CHIC MODEMESSE SHANGHAI

Wie chinesische Designer westliche Moderne umsetzen

Stephanie Ernst
Von Stephanie Ernst
06.11.2016 / 04:00 Uhr

Hinter zwei Reihen Herrenbekleidung hängt ein seidener Kimono. Den leuchtenden Kirschblütenprint erkennt man auch aus 15 Meter Entfernung. Reflexartig stürme ich hin. So etwas findet man in Deutschland garantiert nicht. Während ich mich frage, ob das feine Muster wohl gemalt oder gedruckt wurde, spüre ich Blicke von der Seite. Hat der gerade ein Foto von mir gemacht? Ich wende mich um, das Smartphone ist verschwunden. Zurück bleiben drei lächelnde Gesichter von drei stylishen Typen. Einer trägt ein T-Shirt mit Drachenemblem. Er fragt mich etwas. Hilflos schüttele ich den Kopf. Meine Übersetzerin springt ein und ich stelle fest, dass Chinesisch eigentlich ganz schön klingt. Sie entschlüsselt: „Er möchte wissen, ob du aus Europa kommst.“ Willkommen in der 23 Millionen Metropole Shanghai: Ich besuche Chinas internationale Modemesse CHIC Autumn 2016!

CHIC Autumn 2016: Ein Modespektakel der Extraklasse

65.000 Besucher, über 800 Modemarken aus 21 Ländern, gewaltige 53000 Quadratmeter: Fashionfans brauchen hier gutes Durchhaltevermögen – und bequeme Schuhe. Die CHIC übertrifft im Oktober knapp die Fläche der deutschen Modemesse Panorama und ist fast doppelt so groß wie die Berliner Premium Exhibitions. Während meiner Entdeckungstour bemerke ich schnell: Besucher aus der westlichen Welt sind auf der chinesischen Messe deutlich in der Unterzahl. Auch wenn es sich um eine internationale Modemesse handelt, zielt sie vor allem auf die Einheimischen ab. Achtung: Wer hier Englisch als Kommunikationsmittel voraussetzt, wird schnell enttäuscht!

styleranking-crew Member Stephanie trifft auf der CHIC den chinesischen Designer EMC Eqween-MC.   Copyright: styleranking

Designer der CHIC holen sich den Westen ins eigene Land

Ein gemalter Golddrache schlängelt sich auf der rechten Schulter der schwarzen Jacke mit Mao-Kragen entlang. Die Pinselstriche wirken grob und fast zufällig. „Das wäscht sich nicht raus. Die Farbe ist chemisch stabilisiert und verliert dadurch nie an Leuchtkraft“, erklärt Designer Wan Ming Liang alias Jack One stolz. Neben ihm steht der Maler Han Li Ping. Für ihre erste gemeinsame Kollektion vereinten die beiden Freunde ihr künstlerisches Talent. Jack One, einer von Chinas Top 10 Designern, kreiert die Kleidung. Han Pin Li verschönert sie anschließend mit chinesischen Symbolen. „Die Malweise ist nicht typisch chinesisch, sondern westlich. Die Motive wirken fernöstlich. Das macht den Kontrast aus“, sagt Jack One. Auf diese Weise verschönern sie schlichte Anzüge, große Shoppingbags oder auch Wollschals. Asiatische Tradition trifft westliche Moderne – ein Thema, was auf der diesjährigen CHIC Modemesse in Shanghai viele Modemacher kreativ umsetzen.

Links: Der bei uns beliebte Ankle-Schnitt von Hosen ist auch in China populär: Die ausgestellten Modekreationen von Jack One. Rechts: Maler Han Li Ping und Designer Wing Ling auf der CHIC Autumn 2016.   Copyright: styleranking

Drei Stände weiter fällt ein langer, metallisch glänzender Kimono mit typisch asiatischen Kirschblütenprint ins Auge. Direkt daneben hängen Bomberjacken en masse. Auch bei dem Label Mythopoet ist der kulturelle Stilmix Programm. CEO Zifei Wang sagt dazu: „Ich interpretiere chinesische Tradition auf eine moderne Art und Weise.“ Die Designs der Central Saint Martins-Absolventin mit dem markanten blauen Kurzhaarschnitt sah man schon an Celebrities wie Lady Gaga und Herzogin Kate aus England. „Meine Mode soll auch für die westliche Welt interessant sein“, sagt die Chinesin. Dafür strebt sie einen sportlich-lässigen Stil an, der androgyne und asiatische Elemente vermischt.

Vor dem Eingang der CHIC Autumn 2016 fallen die Schlangen schon frühmorgens lang aus. Grund sind die strengen Sicherheitskontrollen am Eingang.   Copyright: CHIC

Auf der anderen Seite der Halle findet sich ein weiterer kreativer Kopf mit ähnlichen Idealen. „Hauptsächlich inspirieren mich Marken wie Céline oder Chloé“, sagt der Designer des Labels Eqween-MC. Auf einer Stange hinter ihm hängen Plisseeröcke, Blusenkleider und monochrome Teile mit bunten Farbakzenten. Alles in lässigen, weiten Silhouetten – ganz nach seinen französischen Vorbildern. Asia-Style? Eher auf den zweiten Blick. „Ich setze auf typisch chinesische Details, wie die Midilänge oder Kimonoärmel,“ erklärt er und zeigt auf ein gemustertes Etuikleid in seinem Lookbook. Er fügt hinzu: „Einige Prints sollen an japanische Malerei erinnern. Asiatisches kombiniere ich immer mit westlichen Trends.“ Das erkennt man an Eqween-MCs Kampagnenbildern sofort wieder: Weiße Sneaker, Bomberjacken, oversized Sweater oder Daunenwesten zählen in Europa zu den Favoriten vieler Fashionistas.

China eilt oft der Ruf voraus, für sich alleine stehen zu wollen. Die Designer des Landes suchen aber eindeutig eine Verbindung zum Westen. Die chinesische Regierung verbietet zwar Instagram, Facebook, Youtube sowie viele weitere Social Media-Kanäle, auf denen wir unsere Modeaffinität zur Schau stellen. Westliche Elemente dringen trotzdem zum fernen Osten durch und prägen die Visionen der jungen Generation. Genau das erkenne ich auf der CHIC. Wahrscheinlich kämen die chinesischen Designs durch klar erkennbare westliche Elemente auf unserer Seite der Welt ebenfalls gut an – allerdings führt sie noch kein deutsches Geschäft.


Internationales Feeling auf der CHIC Autumn 2016

Brasilianische Schuhmode oder italienische Kaschmirkreationen – in Shanghai feiert man ausländische Designs in einem großen internationalen Bereich. Ich bemerke schnell den enorm großen Andrang in diesen Bereichen. Alle knipsen was das Zeug hält. Der internationale Bereich interessiert die Chinesen vermutlich besonders, weil die Blockade vieler sozialer Medien den Zugang zur restlichen Welt erschwert. Als deutsche Modeliebhaberin erlebe ich bereits auf dem ersten Messetag ein besonderes Fashion-Highlight: Auf dem riesigen CHIC Laufsteg begeistern Looks der Top 60 Designs des deutschen Frankfurt Style Awards. Die Auszeichnung fördert internationale Newcomer-Designer aus unterschiedlichen Ländern. Jedes Jahr werden die Kreationen in einem anderen Gastland präsentiert. In diesem Jahr ging die Reise nach Shanghai.

Ausgewählte Designs des FRANKfurtstyleawards wurden auf dem großen Runway der CHIC Autumn International Fashion Fair präsentiert.   Copyright: styleranking

Besucher aus der westlichen Welt dürfen auf der chinesischen CHIC mit einigen Herausforderungen rechnen. Flyer und Infobroschüren liegen hauptsächlich in chinesischer Schrift vor und die meisten Designer oder Markenvertreter sprechen kein Wort Englisch. Händler und Journalisten nehmen also besser einen Übersetzer mit. Trotzdem begeistert und inspiriert Shanghais Modemesse garantiert jeden Fashionfan. Das Tolle an Mode ist schließlich, dass sie ganz ohne Worte auskommt.

Hintergrund zur CHIC Modemesse in Shanghai

CHIC existiert in zwei Ausführungen: Es gibt eine Frühlings- und Herbstausgabe. Die CHIC Autumn läuft im Oktober an drei Tagen vom 11.10.16 bis zum 13.10.16 im riesigen National Convention and Exhibition Centers Shanghai. Hunderte Stände von nationalen und internationalen Labels und Designern, Kleidung, Schmuck und Accessoires im Überfluss, Vorträge im Podiumsbereich, Runwayshows im Stundentakt, ein großes Modelcasting am letzten Messetag. Das Fashionprogramm läuft nonstop von 9 bis 18 Uhr. Die 13 klar aufgeteilten Bereiche in den Hallen erleichtern das Zurechtfinden.


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