Kinderkolumne

Das Problem des fragwürdigen Hypes um Instafashion-Kids

Gabriela Keller
Von Gabriela Keller
27.08.2016 / 14:58 Uhr

Kinder, die noch nicht sprechen können, bis zum Anschlag gestylt. Ausgestattet von Luxuslabels wie Louis Vuitton, Chanel oder Marc Jacobs, mit fünf-, sechsstelligen Followerzahlen – zunehmend sorgen die Insta-Kids in den sozialen Medien für Furore. Sie tragen die angesagtesten Klamotten, posieren wie professionelle Models, stellen erfolgreiche Bloggerfotos nach und erreichen mit ihren Bildern ein riesiges Publikum. Ganz ähnlich wie erwachsene Modeblogger machen sie mit täglichen Outfit-Postings von sich Reden.Viele der Mini-Fashionistas sind inzwischen auch Offline als Kindermodels und -schauspieler erfolgreich.

Mütter lieben es, stolz ihr Kinder zu fotografieren. Auf Social Media Plattform Instagram nimmt es mittlerweile aber immer ausschweifendere Züge an.   Copyright: Shutterstock

Erfolgreiche Insta-Kids

Der Wirbel um Promikids wie Suri Cruise, North West, Ivy Blue und Prince George zeigt schon seit Längerem, wie gut sich kleine Kinder in den Medien vermarkten lassen. Auch einige der Insta-Kids sind mit ihren Fotos inzwischen Internetstars geworden. Alonso Mateo erreicht mit seinen nonchalanten Posen mehr als 630.000 Follower. Die Mutter, Stylistin Luisa Fernanda Espinosa, entwickelt für den Achtjährigen einen Stil, der sich zwischen Gucci und Rockstar bewegt. Auf Instagram ist er unter @luisafere zu finden.

Ein anderes Beispiel ist Haileigh Vasques, die mit ihrer glamourösen Garderobe mehr als 120.000 Fans begeistert. Ihr Kleiderschrank dürfte wohl bei den meisten erwachsenen Frauen Neid erregen: Mit übergroßen Sonnenbrillen, Hüten, Carmenblusen verzückt die Sechsjährige die Modewelt schon seit Jahren. Auf Instagram ist sie unter @hails_wold zu finden. Ähnlich ist es bei Harlow White, einem vier Jahre alten Model mit verblüffendem Gespür für wirkungsvolle Pose. Ihrem Profil @harlowlunawhite folgen mehr als 460.000 Follower. In Szene gesetzt wird sie von ihrer Mutter, einer Fotografin.

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Beach babe... 👙

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Das fragwürdige Spiel mit Kindern auf Instagram

Natürlich ist die ganze Sache zutiefst zwiespältig. Denn hinter diesen Kindern stehen fast immer die Mütter, „Momager“, die sie vom frühesten Alter an auf Erfolg und Prominenz trimmen. Wo früher mit Kindern wie Michael Jackson, Britney Spears oder Beyoncé ins Bühnenrampenlicht gedrängt wurden, sind es heute die Social Media Profile im Internet. Werden die Kleinen in den Medien und Kommentaren für ihren Stil gelobt, geht das an der Realität vorbei: Nicht die Kinder drücken auf den Fotos ihre Persönlichkeit aus, sondern ihre Mütter. Sie bestimmen, wie sie ihren Sohn oder ihre Tochter präsentieren und inszenieren. Stil kriegt man eben nicht in die Wiege gelegt, das Gespür für Formen und Farben muss man erlernen, Fehltritte inklusive: Wer als Teenager nie in einem selbst zusammengesuchten Outfit nie albern aussah, hat sich nicht wirklich ausprobiert. Die Fashion-Instakids werden vermutlich nie die Chance bekommen, frei mit Mode zu experimentieren oder einen eigenen Kleidungsstil zu entwickeln. Sie sind ja schon als Kleinkinder perfekt angezogen. Perfekt gestylt. Perfekt fotografiert. Und perfekt in Szene gesetzt.

Es gibt aber noch gravierendere Einwände: Auch Kinder haben ein Recht auf Privatsphäre. Und ehe die Kinder ihre Volljährigkeit erreichen, ist es Aufgabe der Eltern, sie zu schützen. Die meisten Eltern kennen den Drang, Fotos ihrer Kleinen überall herumzeigen zu wollen. Vor lauter Vater- und Mutterstolz kann es schon mal sein, dass man da übers Ziel hinausschießt. Aber dass es problematisch ist, Fotos von kleinen Kindern nicht für alle sichtbar im Internet zu verbreiten, das sollte eigentlich inzwischen jedem klar sein. Denn was ist, wenn die Kinder später einmal nicht einverstanden sind mit der Bilderflut, die von ihnen im Internet existiert? Es wird keine Chance haben, die Fotos jemals wieder vollständig zu löschen.

Auch die Polizei warnt schon seit längerem davor, Kinder im Netz zur Schau zu stellen. Denn die Bilder werden abgegriffen, gespeichert, in den Weiten des Internets weiter veröffentlicht. Man kann schon fast davon ausgehen, dass sie dabei auch Menschen zu Gesicht bekommen, die wohl keine Mutter erreichen will: Man weiß, dass Pädophile im Internet gezielt nach Kinderfotos suchen, die sie stehlen, für ihre Zwecke nutzen und weiterverkaufen. Auch, wenn die Kinder nicht nackt sind – wenn sie Bademode oder enge Sportkleidung tragen, reicht das aus, um Begehrlichkeiten zu wecken. Umso fahrlässiger, dass manche Eltern auf Instagram tatsächlich Bikini-Shots von vier-, fünfjährigen Mädchen verbreiten. Diese Problematik lässt sich aber viel weiter diskutieren: Was ist mit modelnden Kindern in Modekatalogen und Zeitschriften? Dasselbe in Grün? Oder macht wie so oft der Ton die Musik, oder in diesem Fall eher die Inszenierung? Einen gravierenden Unterschied bilden hierbei die Häufigkeit und die preisgegebenen Daten über das jeweilige Kind. Bei einem Modelengament kann ein Kind zwei oder drei Mal im Jahr in einem Katalog abgelichtet werden und somit nur einen kleinen Teil seiner Freizeit mit dieser Tätigkeit verbringen. Der vollständige Name des Kindes, Lebensraum und Infos über die Eltern tauchen in der Regel nicht auf. Insta-Kids hingegen müssen täglich für die Smartphonekamera herhalten und stehen oftmals mit vollständigen Namen im Internet.

Nur ein Generationskonflikt?

"Schatz, mach mal so und so!" Momager pushen ihre Kinder immer häufiger zu Social Media Stars.   Copyright: Shutterstock

Andererseits: Wer sich anschaut, welche Marktmacht die Insta-Kids inzwischen darstellen, kommt sich mit seinen Bedenken schon wieder ziemlich altmodisch vor. Kinder, die mit dem Internet aufwachsen und es gewohnt sind, sich mit den sozialen Medien auszudrücken, gehen mit ihren Daten selbst ohnehin ganz anders um als die heute erwachsene Generation. Das mag einem zum Teil arglos und unbedacht vorkommen, tatsächlich aber haben die Kids beste Voraussetzungen, ein eigenes, modernes Verständnis für Datenschutz zu entwickeln. Sicher werden sie anders umgehen mit ihrer Privatsphäre als Menschen, die sich noch an die Proteste gegen die Volkszählung im Jahr 1983 erinnern. Doch es wird Aufgabe der neuen Generation von Digital Natives sein, das Thema informationelle Selbstbestimmung in einer global vernetzten Welt neu zu definieren. Und wenn Aufmerksamkeit die Währung im digitalen Zeitalter ist, stehen die Mini-Fashionistas auf Instagram ohnehin auf der Gewinnerseite. Zumindest finanziell.

Alle mit Shutterstock gekennzeichneten Bilder sind aus der Bilddatenbank shutterstock.com.

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