Digitale Welt

Der gläserne Mensch: Leben und Kaufen im digitalen Zeitalter

Von Franziska Gajek
19.10.2017 / 11:00 Uhr

Der Mensch hält sich für ein intelligentes Wesen. Wenn nicht sogar für das Intelligenteste, was sich auf diesem Planeten bewegt. Menschen haben ganze Staatsformen entwickelt, die Technisierung eingeläutet und schließlich das digitale Zeitalter mit all seinen bahnbrechenden Erfindungen begründet. Ein Wendepunkt in der Evolution. Mit der Erfindung des Computers, übrigens durch einen deutschen Herrn namens Zuse, zog erstmals eine Form der Intelligenz in unsere Welt ein, die unsere eigene überschreitet. Und zwar deutlich. Was zu anfangs noch Rechenleistung im klassischen Wortsinn meinte, ersetzt heute ganze Berufe. Auf der Neocom Düsseldorf, einem Kongress in dessen Zentrum der digitale Handel steht, geht es genau um diese Intelligenz. Um die Künstliche Intelligenz, kurz KI. Wie beeinflussen Daten und deren intelligente Verarbeitung unsere Kaufentscheidungen, wie werden sich Einkaufserlebnisse verändern und haben wir überhaupt eine Chance, gegen die Allmacht der Computer anzukommen?

Eines der Top-Themen der diesjährigen Neocom: Der Einsatz von Künstlicher Intelligenz und welchen Einfluss diese auf den Alltag und das Shopping-Erlebnis ausübt.   Copyright: neocom.de

Die erste Antwort vorweg: Nein, haben wir nicht. Der Glaube, wir könnten unsere Daten schützen oder die Technisierung dieser Welt aufhalten, ist schlichtweg naiv. Sind wir doch mal ehrlich: Wie viele Onlineshops kennen unseren Namen, unsere Adresse, sogar unser Geburtsdatum und unsere Handynummer? Wie viele Onlineshops können ablesen, wo wir wohnen und mit wem, in welche Zielgruppe wir fallen, wann man uns mit Geburtstagsgrüßen eine Freude bereitet und welchem Telefonanbieter wir monatlich unser Geld überweisen? Wir selbst verbreiten jene wertvollen Daten, die Geld als kostbare Währung schon lange abgelöst haben. Über so ziemlich jeden von uns existieren Profile, die mithilfe künstlicher Intelligenz unser Kaufverhalten untersuchen und beeinflussen – ob uns das nun passt, oder nicht.

Die Wissenschaft geht noch weiter. Es wurden bereits WIFI-Router entwickelt, die mithilfe von niedrig frequentierten Radiowellen die Emotionen aller im Raum anwesenden Personen messen können. Emotion-Tracking heißt das. Mit einer Genauigkeit von 94% bestimmt das Gerät, ob du traurig oder fröhlich bist, ob du zufrieden oder unglücklich bist. Stell dir vor, solche Geräte machen unsere Gefühle für Verkäufer im Einzelhandel oder für ganze Onlineshops zugänglich. Produktspezifische Beratung und individualisierte Werbung würden neue Dimensionen annehmen.

Doch damit ist das Ende der Fahnenstange noch nicht erreicht. Über einen einfachen Händedruck lassen sich heute Nano Transponder Chips an jede beliebige Person übertragen. Diese winzigen Datenchips setzen sich auf die Haut, sind für das bloße Auge kaum zu erkennen und tracken über gut zwei Wochen Standort, Blutzucker, Blutdruck und weitere Parameter. Mithilfe künstlicher Intelligenz kann der Mensch als Konsument perfekt durchleuchtet werden. Welche Bedürfnisse hat er? Was bewegt ihn? Wann und wo kauft er ein? Die Möglichkeiten sind schon heute schier unbegrenzt.

Die Neocom ist das Event für die Digital Commerce Branche. Autor und Blogger Sascha Lobo weiß: Im Schnitt greifen wir über 200 Mal am Tag zum Smartphone!   Copyright: neocom.de

Das Einkaufen der Zukunft wird in erster Linie nicht von uns selbst bestimmt. Sondern von riesigen Datenmengen über uns, die mithilfe von künstlicher Intelligenz ausgewertet und anschließend passgenau auf uns angewandt werden. Curt Simon Harlinghausen, Business Transformation Lead EMA, Publicis Media spricht dazu auf der Neocom 2017 über die digitale Transformation des Handels, in der alles auf den Konsumenten ausgerichtet sein wird. Schon heute kommunizieren rund 500.000 Bots auf Facebook mit uns und beantworten Dank künstlicher Intelligenz die unterschiedlichsten, teils sehr persönlichen, Fragen. Auf Google erscheint genau das relevant für uns, was der Algorithmus als relevant vorgibt. In Supermärkten werden unsere Gesichter erfasst - und damit die Häufigkeit unserer Besuche. Unsere Welt ist hochdigitalisiert. Tendenz: Steigend.

Onlineshopping gehört längst zu unserem Alltag. Experten sagen: Unsere Grundbedürfnisse, also z.B. Lebensmittel werden wir künftig nur noch online beziehen.

Das zeigen auch die Nutzerdaten von Smartphones oder Plattformen wie Facebook. Über 200 Mal am Tag nehmen wir unser Handy in die Hand wie Autor und Blogger Sascha Lobo auf der Neocom verrät. Seit November 2016 sind die Page Impression von Onlinewebsites, die per Smartphone geklickt werden, erstmals höher, als die von Desktops ausgehen. Die wertvollsten Unternehmen der Welt sind digital - darunter Apple, Google und Microsoft. Eine Tatsache, die sich zusätzlich im Bereich Werbung abzeichnet. Außerhalb von Google und Facebook gibt es im Segment Werbung kein relevantes Wachstum mehr. Auch unser Umgang mit Geld hat sich drastisch verändert. Hierzulande wurden im Jahr 2016 sage und schreibe sechs Milliarden Transaktionen via PayPal umgesetzt. In Asien gibt es ein noch erfolgreicheres Model: Hier ist eine ähnliche Funktion via PayPal in die chinesische Variante von WhatsApp integriert. Das Ergebnis: 46 Milliarden Transaktionen an einem Abend.

Alles wird digital. Das macht vielen Menschen Angst. Denn nicht nur unser Einkaufsverhalten, auch die gesamte Berufswelt wird sich durch immer schneller voranschreitende Entwicklungen verändern. Künstliche Intelligenz ist bereits in der Lage, Gemälde von atemberaubender Schönheit zu malen, den Journalismus zu automatisieren, ganze Sprachen in wenigen Stunden zu erlernen und in Echtzeit zu übersetzten. Wozu also braucht diese Welt noch den Menschen?

Wir verbringen nicht nur privat unsere Zeit online. Auch aus der Berufswelt ist die Digitalisierung schon lange nicht mehr wegzudenken.   Copyright: Shutterstock

Darauf hat Tim Leberecht, Co-Founder und CEO von The Business Romantic Society eine Antwort. Als bekennender Romantiker sieht er die Aufgabe des Menschen nicht im Effizienten, sondern im Schönen. Im Menschlichen. Darin, Unternehmen menschlich zu gestalten, Intimität im Zeitalter der sozialen Isolierung zu schaffen und über das Notwendige hinauszuwachsen. Geheimnis statt Eindeutigkeit, Verletzlichkeit statt Kontrolle, Überraschung statt Berechenbarkeit, Makel statt Perfektion – das sind seine Leitfäden für eine digitalisierte, menschliche Wirtschaft und Gesellschaft. Denn was wären all die technischen Errungenschaften ohne Menschen, die sie zu ihrem Vorteil nutzen.

Am Ende bleibt uns also nur den Fortschritt mit Neugier zu betrachten, ihn für uns zu nutzen, anstatt ihn als Feind zu bekämpfen. Denn diesen Kampf würden wir ohnehin verlieren.

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