Interview

Beauty-Guru Jay Manuel: „Die heutigen YouTuber sind nicht die Make-up Artists von Morgen“

24.12.2016 / 14:00 Uhr

Ein Silberstreifen am Horizont. Celebrity Make-up Artist Jay Manuel erkenne ich schon von weitem – trotz XXL-Sonnenbrille. Seine grauweiße Kurzhaarfrisur verschaffte ihm weltweit einen hohen Wiedererkennungswert. Ohne Eile tritt der Ex-Americas Next Topmodel-Juror lässig durch die Drehtür des QVC Headquarters in Düsseldorf. Jay nimmt die Sonnenbrille ab, ich bin geschockt. Dieser Mann soll 44-Jahre alt sein? Vergeblich suche ich nach einem Fältchen. Er trägt einen trendy Statementpullover mit riesigem Hühnerkrallenprint. Er verstärkt Jays jugendlichenEindruck noch mehr. Würde er nicht als internationaler Make-up Artist und TV-Host gefeiert werden, könnte der Kanadier glatt als Fashionblogger durchgehen. Und hier schließt sich der Kreis: Wie ihn die Blogosphäre zu der neuen Kollektion seiner Make-up Linie Jay Manuel Beauty inspirierte und warum auf Instagram nicht alles Gold ist, was glänzt, verrät er im Interview.

Crew-Member Stephanie trifft Jay Manuel zum Gespräch.   Copyright: styleranking

„Früher nannte man mich den 'Hautperfektionierer'!"

styleranking: Foundation, Concealer und Highlighter: Deine neue Filter Finish Collection beschränkt sich auf die perfekte Grundierung. Warum?

Jay Manuel: Während ich noch als Vollzeit-Make-up Artist arbeitete, nannten sie mich den Hautperfektionierer. Ich erinnere mich, wie das entstand: Naomi Campbell stellte mich der Ikone Iman vor. Für ein Vogue Fotoshooting kreierte ich wenig später ihr Make-up. Danach sagte Iman zu mir: „Ich sehe aus wie retuschiert!“ Dafür wurde ich später überall bekannt. Die Produkte der Linie sollen diesen Effekt für alle Frauen ermöglichen – auch für Amateure.

styleranking: Also haben dich die Erfahrungen deiner Karriere dazu gebracht, eine eigene Make-up Linie zu kreieren?

Jay: Meine Karriere startete ich vor über 20 Jahren. Ich habe so viel im Make-up Business gelernt, entdeckte aber häufig auch Schwachstellen. Ich arbeitete mit vielen inspirierenden Frauen und Stars zusammen - alle mit unterschiedlichen Hautfarben. Ich schminkte Heidi Klum, Jennifer Lopez oder eben Iman. Dabei fiel mir oft auf, dass es einfach nicht genug unterschiedliche Make-up-Farbtöne gibt. Außerdem ärgerte ich mich oft darüber, wie trocken und unvorteilhaft Puder auf der Haut aussieht. Deshalb wollte ich meine eigene Produktlinie kreieren.

styleranking: Du hast die allererste Powder-to-Cream Foundation erschaffen: Das Puder verwandelt sich bei Hautkontakt in eine Creme. Wie kommst du auf die Ideen für deine Make-up Produkte?

Jay: Meine Recherche begann in Korea. Dort denkt man in Sachen Make-up-Innovationen stets sehr fortschrittlich. Ich träumte schon immer davon, eine Kosmetiklinie zu erstellen. Sie sollte eine wirklich einzigartige Technologie bieten. Etwas, das es davor noch nie gab. Außerdem hörte ich einfach darauf, was sich all die von mir geschminkten Frauen wünschen. Jay Manuel Beauty sollte das bieten, was mir im Markt fehlte.

styleranking: Deine Kollektion heißt Filter Finish – das spielt offenbar auf aktuelle Social Media-Gadgets an.

Jay: Das stimmt. Instagram oder Snapchat: Wir machen ein Foto und denken sofort über den Filter nach, den wir später darüberlegen. Die Wirkung des Bildes entscheidet. Wir besitzen eine bestimmte Idee davon, wie die Welt uns sehen soll. Bei Kosmetik ging es bis jetzt immer hauptsächlich um die perfekte Deckkraft und das ideale Farbmatch. Aber das ändert sich aktuell: Heute zählt die Textur. Deshalb lieben alle Social Media-Fans Filter – der Weichzeichner Effekt lässt Falten, Poren und alles andere Unerwünschte verschwinden. Meine Produkte verfügen alle über eine leichte Konsistenz, die sich nahtlos mit der Haut verbindet und sie optisch weichzeichnet. Keiner will heute noch dicke, offensichtliche Foundations tragen.

Die Filter Finish Collection von Jay Manuel ist über QVC erhältlich.   Copyright: Qvc.de

„Die heutigen YouTuber sind nicht die Make-up Artists von Morgen."

styleranking: Was denkst du als Profi über die zahlreichen Videoblogger, die derzeit als neue Make-up Gurus gefeiert werden?

Jay: Durch mein Engagement auf der Londoner Make-up-Messe Beautycon treffe ich viele internationale Influencer. Dabei habe ich bemerkt, dass YouTuber wunderbar darin sind, Produkte zu testen und sie vor der Kamera zu präsentieren. Andere schminken können sie aber meistens nicht. Hier liegt der Unterschied: Die heutigen YouTuber sind nicht die Make-up Artists von Morgen.

styleranking: Du arbeitest seit über zwanzig Jahren in der Make-up Branche. Wie verändert Social Media den Beautymarkt?

Jay: Das heutige Make-up Business orientiert sich am Verbraucher. Die Konsumenten bestimmen durch ihre Wünsche den Markt. Früher diktierten Kosmetiklabels das Angebot und alle richteten sich danach. Wenn Unternehmen heute clever sind, beziehen sie die Stimmen aus den sozialen Netzwerken mit in die Produktplanung ein – so läuft es auch bei Jay Manuel Beauty.

styleranking: Wie relevant ist Social Media für dich persönlich?

Jay: Wir sollten Social Media dafür nutzen der Welt zu zeigen, wer wir wirklich sind. Im Großen und Ganzen erlebe ich Social Media als einen positiven Ort voller Inspiration. Es ist auch eine tolle Möglichkeit mit Fans in Kontakt zu stehen. Ich schreibe übrigens immer selbst. Aber ich beobachte bei den sozialen Medien auch eine andere Entwicklung. Wenn ein junges Mädchen vier Lippenstifte zeigt und die Fans fragt, welchen sie für das kommende Date auftragen soll, finde ich das fragwürdig. Wer mit Crowdsourcing anfängt, gibt seine eigene Stärke auf. Die Meinungen von Anderen bekommen durch Instagram einen überhöhten Stellenwert.

styleranking: Auf deinem persönlichen Instagramprofil hast du folgendes Zitat zum Social Media-Hype gepostet: „Nicht alles, was glänzt, ist Gold – besonders auf Instagram“.

Jay Manuel: Man kann sich an Ästhetik und Schönheit freuen und das auch auf sozialen Medien teilen. Aber es muss eine Balance geben. Der Begriff Hype passt hier sehr gut. Man sollte einem Hype niemals glauben. Vor allem, wenn es um Events geht. Wenn ich Menschen treffe, höre ich immer: Dein Leben scheint so glamourös. Du du warst bei den Oscars, den Golden Globes, mit all diesen Stars. Aber ganz ehrlich: Der Spaß hält sich in Grenzen. Wenn die Globes anstehen, muss man in L.A. mit eisigen Temperaturen rechnen. Jeder friert, ist hungrig, genervt, muss aufs Klo, aber darf gerade nicht. Hinter den Kulissen sucht man vergeblich nach etwas Glamourösen. Ich würde auch niemals Bilder von meinem Zuhause posten. Ich will nicht, dass die Menschen denken, mein Leben bestehe nur aus Glamour.

styleranking: Beinflusst das vor allem die junge Generation negativ?

Jay: Die Jugend beeindruckt man leicht. Andere posten Bilder davon, wie sie in ihren Privatjet steigen, erste Klasse fliegen. Es ist toll sich an so etwas zu erfreuen, aber es muss eine Balance geben. Wenn man mit solchen Bildern den Instagram-Account füllt, ist kein Platz mehr für anderes. Das sendet eine falsche Message. Ich bin ein recht bodenständiger Mensch, der schätzt, was er hat. Aber nicht protzen will. Einer meiner größten Vorbilder ist Eckhart Tolle. Sein Buch Eine neue Erde veränderte mein Leben. Ich lese tatsächlich jeden Morgen aus spirituellen Büchern, um mich daran zu erinnern, was im Leben wirklich zählt.

Celebrity Make-up Artist Jay Manuel spricht über den großen Stellenwert von Social Media.   Copyright: styleranking

„Durch Make-up realisieren wir die Vision, die wir von uns selbst haben."

styleranking: Mit dem, was du auf Social Media von dir preisgibst, gehst du also extrem vorsichtig um?

Jay: Es gibt Dinge, die ich bewusst niemals auf Instagram zeigen würde. Ich verbringe viel Zeit in Frauenhäusern und spreche mit Personen, die Schreckliches wie Missbrauch erlebten. Das würde ich nie öffentlich präsentieren. Ich setze mich dort nicht hin und frage nach einem Selfie – denn dann geht es nicht mehr um sie, sondern um mich. Ich gebe den Frauen auch keine Tipps, wie sie sich stylen sollen – obwohl ich natürlich danach gefragt werde. Mich interessiert mehr, wie Menschen über sich selbst denken, als wie ich über sie denke. Was ich schön finde, ist im Endeffekt unwichtig.

styleranking: Was bedeutet Schönheit für dich?

Jay: Schönheit ist definitiv mehr als die Oberfläche und die Ästhetik. Als Motto von Jay Manuel Beauty wählte ich nicht ohne Grund „Finde den Weg für dich“. Es geht um Selbstentdeckung und Selbstbestärkung. Ich sage immer: Schönheit ist extrem persönlich, sehr individuell und trotzdem überraschend öffentlich. Wir nehmen etwas sehr Intimes und präsentieren es der ganzen Welt.

styleranking: Und Make-up soll unsere individuelle Schönheit hervorheben, nicht verdecken?

Jay: Nicht unbedingt. Natürlich kannst du Hautprobleme abdecken und kaschieren. Durch Make-up realisieren wir die Vision, die wir von uns selbst haben. Wir zeigen anderen Menschen, wie wir uns selber sehen.

styleranking: Mode ist auch eine Form von Selbstdarstellung. Du hast 2011 Kollektionen für das kanadische Unternehmen Sears entworfen. Auch auf Instagram postest du viele Outfits von dir. Können wir in Zukunft mit einer Jay Manuel Fashionline rechnen?

Jay: Der Deal mit Sears lief über drei Jahre. Ich habe dafür insgesamt sechs Kollektionen erstellt, die auch innerhalb der New York Fashion Week gezeigt wurden. Als die Kooperation endete, startete ich gerade Jay Manuel Beauty und habe mich ganz auf die Kosmetik fokussiert. Aber in Zukunft plane ich tatsächlich etwas in die Moderichtung, über das ich allerdings leider noch nicht sprechen darf.

styleranking: Wir halten die Augen offen. Vielen Dank für das Gespräch.

Follow us