Interview

Gender-Experte Brendan Gough: „Männer setzen sich heute mehr mit ihren Gefühlen auseinander“

Kim Ernst
Von Kim Ernst
12.05.2015 / 10:30 Uhr

Am Set des Man of Today-Shootings in London treffen wir auf Brendan Gough. Er ist weder Stylist, noch kommt er von einer PR-Agentur. Eigentlich hat er mit Mode und Beauty rein gar nichts zu tun. Gough ist Professor und befasst sich in seinen Studien mit den unterschiedlichen Geschlechtern Frau und Mann sowie dem Wandel des Männerbildes in der Gesellschaft.

Wie sieht er aus, dieser Wandel – und wo führt er hin? Wir sprechen mit Brendan Gough und suchen Antworten auf diese Fragen.

Redakteurin Kim und Brendan Gough am Set in London.   Copyright: Hugo Boss

styleranking: Warum treffen wir Sie hier bei einem Fotoshooting? In welcher Verbindung stehen Sie zur Kampagne?

Brendan Gough: Meine Aufgabe ist es, Stellungnahme zum Man of Today zu beziehen und in Bezug auf die aktuelle Forschung die Geschichten der einzelnen Männer zu kommentieren. Jeder der Männer muss sich im Alltag anderen Herausforderungen stellen, was ihr Leben in einigen Belangen verändert hat. Sie alle haben Aspekte des traditionellen Männerbildes abgelehnt und sich stattdessen für ein Leben entschieden, das für Männer als vorwiegend untypisch gilt.

styleranking: Was halten sie von Niko, dem Gewinner des Man of Today Contest aus Deutschland?

Brendan Gough: Ich habe mich vor dem heutigen Treffen bereits mit seiner Geschichte beschäftigt. Es wird deutlich, dass seine Familie für ihn die wichtigste Rolle in seinem Leben spielt. Er hat die Entscheidung getroffen, in Elternzeit zu gehen und damit seine Frau zu unterstützen. Dieser Schritt erfordert auch heute noch Mut, weil neben den modernen Idealen von Maskulinität noch immer die traditionellen Werte existieren. Deshalb reagiert die Gesellschaft darauf noch häufig mit Kritik.

styleranking: Wie haben sich Männer in den letzten Jahren verändert?

Brendan Gough: Im Vergleich zu früheren Generationen setzen sich Männer heute mehr mit ihren Gefühlen auseinander und zeigen sie häufiger. Außerdem sind Männer fürsorglicher und offener gegenüber anderen Menschen, während sie früher meist unbeteiligt waren.

styleranking: Worauf stützen Sie diese Erkenntnis?

Brendan Gough: Mein Vater zum Beispiel ging damals zur Arbeit und verdiente das Geld, um die Familie zu ernähren. Er verbrachte aber nicht viel Zeit mit den Kindern. Das hat sich in den letzten Jahren stark verändert, wie man bei Niko sehen kann. Männer unterstützen ihre Partner und spielen auch in der Kinderbetreuung eine immer größere Rolle. In ihrem häuslichen Umfeld fühlen sie sich heute wohler als noch vor einigen Jahren.

Wir sprechen mir dem Gender-Experten Brendan Gough in London über die Zukunft des besseren Mannes.   Copyright: Hugo Boss

styleranking: Welches Bild hat die Gesellschaft vor Augen, wenn es um den modernen Mann geht? Gibt es bestimmte Eigenschaften, die ein Mann heutzutage erfüllen muss, um akzeptiert zu werden?

Brendan Gough: Generell werden die traditionellen Ideale nicht mehr als maßgebend angesehen. Sie sind nicht ganz verschwunden, werden jedoch von den Männern abgewandelt. Es ist gut zu sehen, dass der Begriff von Männlichkeit heute um einiges flexibler ist als vor einigen Jahren. Jeder Mann macht sich selbst aus und kann seinen eigenen Weg einschlagen, ohne einem gesellschaftlichen Druck ausgesetzt zu sein.

styleranking: Welchen Herausforderungen müssen sich Männer heute stellen?

Brendan Gough: Die größte Herausforderung ist, dass Männer lernen müssen, mit Veränderungen und neuen Situationen umzugehen. Sie müssen akzeptieren, dass sich ihr Leben und ihre Gender-Identität mit der Zeit verändern. Aber das ist etwas Gutes, denn dadurch entwickeln sich Männer zu besseren und reiferen Menschen.

styleranking: Vor einigen Jahren wäre es undenkbar gewesen, dass ein Mann sich zu Hause um die Kinder kümmert, während die Frau arbeiten geht. Warum funktioniert das heute?

Brendan Gough: Generell arbeiten Frauen heute mehr als damals. Es kommt durchaus vor, dass Frauen mehr Geld verdienen als ihre Partner. In solchen Situationen ist es nur logisch, dass sie weiterhin arbeiten geht, wenn ein Kind auf die Welt kommt. Wenn wir uns Niko anschauen, ist das eine Ausnahme. Er ist in Elternzeit gegangen, um seine Frau zu unterstützen, da sie zunächst mit der Situation nicht so gut klarkam. Also hat er in der schweren Zeit die Entscheidung getroffen, für die Familie da zu sein.

styleranking: Frauen wurden in den letzten Jahren immer unabhängiger und stärker. Brauchen sie Männer überhaupt noch in ihrem Leben?

Brendan Gough: Ich würde sagen, dass Frauen es begrüßen, wie sich Männer mit der Zeit verändert und entwickelt haben. Wie bereits erwähnt, waren Männer in der Vergangenheit eher emotional unbeteiligt und haben ihre Partner gar nicht oder nur wenig unterstützt. Heute sind Männer für Frauen präsenter. Im Vergleich zu vorherigen Generationen sind Männer und Frauen immer häufiger miteinander befreundet. Frauen schätzen die neuen Eigenschaften der Männer und unterstützen sie in ihrer Entwicklung.

styleranking: Wie sieht die Zukunft von Männern und Frauen aus?

Brendan Gough: Es sieht danach aus, dass Gender weniger relevant wird, besonders wenn es um die Erziehung der Kinder geht. Männer werden sich mit den Jahren immer mehr um die Kinderbetreuung kümmern. Wir kommen also hoffentlich an einen Punkt, an dem sich Männer und Frauen die Haushaltsarbeit und Kinderbetreuung 50/50 teilen. Gender-Traditionen werden nicht völlig verschwinden, weil die Menschen von Gender-Unterschieden fasziniert sind. Die Medien vereinfachen diese Dinge gerne und zeigen auf, dass Männer und Frauen verschieden sind. Dennoch wird Gender an Relevanz verlieren, wenn es um die Identität und den Fortschritt von Männern und Frauen geht.

styleranking: Vielen Dank für das Gespräch.

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