Meinung

Größenwahn: Wie du der Verzweiflung zwischen XS und XL ein Ende bereitest

Von Franziska Gajek
25.11.2017 / 11:00 Uhr

Shopping beschert uns vergnügliche Momente, kann aber auch in schwer zu behebenden Frust ausarten. Stichwort Kleidergröße. Denn selbst, wenn du deinen eigenen Körper, deine Maße und deine Konfektion kennst, wissen es die Labels besser als du. Garantiert. Dieser Umstand fördert Body-Shaming und lässt eigentlich nur eine Reaktion zu: Ignoranz.

Shopping macht nicht immer nur Spaß, sondern fördert auch Frust.   Copyright: Shutterstock

Du bist zu fett. Du bist zu dünn. Deine Beine sehen aus wie Stelzen. Dein Hintern sprengt jeden Rahmen. Menschen können ziemlich gemein werden hinsichtlich Äußerlichkeiten, die nicht dem eigenen Schönheitsempfinden entsprechen. Kleidung vermag das auch. Die spricht nicht mit Worten zu uns, sondern mit knallharten Fakten. Wenn es nicht passt, dann passt es nicht. Da hilft auch keine Argumentation. Keine Moral.

Der reine Umstand, ein unpassendes Kleidungsstück anprobiert zu haben, sollte noch keine gesellschaftliche Debatte entfachen. Handelt es sich aber um ein Kleidungsstück in der eigentlich passenden Konfektionsgröße, sieht die Sache schon ganz anders aus. Vor allem dann, wenn die vermeintlich richtige Konfektionsgröße von Laden zu Laden und von Label zu Label wechselt. Hier passt eine 36, dort eine 38, dann mal eine 40. Ähnlich verhält es sich mit den amerikanischen Größen XS, S, M, L und XL. Nicht wenige Frauen besitzen Kleidung in mindestens drei Größen – und das nicht, weil sie an einer besonders unförmigen Figur leiden.

Die eigene Kleidergröße zu kennen erscheint heute wertlos. Denn wie groß oder klein die Kleidung ausfällt, entscheidet jedes Label individuell.   Copyright: Shutterstock

Leiden tun sie trotzdem. Wenn bei H&M die Hose mal wieder nicht zugeht, bei Zara die Arme nicht in die Bluse passen oder bei Esprit der Pullover schlabbert. Wenn man Größen kaufen muss, die weder mit dem eigenen Schönheitsempfinden noch mit realistischen Maßen zu tun haben. Im „Best Case“ fallen die Teile zu groß aus, ergo kaufen wir eine Nummer kleiner. Selbstwertgefühl gerettet. Im „Worst Case“ kaufen wir gar nichts, weil eine 44 aus Prinzip keinen Einzug in unserem Kleiderschrank halten sollte. Das ist frustrierend und fördert Selbstzweifel. Zahlen vertrauen wir mehr als Gefühlen. Wenn wir uns wie eine 38 fühlen, dann aber nicht mal eine Jeans in 44 passt, passiert Folgendes: Wir schämen uns für unseren Körper. Und wir fühlen uns verloren, in den machtvollen Händen der international agierenden Konfektionäre von Milliarden-Dollar Konzernen wie Inditex. Da macht Shopping gleich viel mehr Spaß.

Wie krass die unterschiedlichen Schnitte trotz vermeintlich gleicher Größe ausfallen, bringt Twitter Userin Samantha Bell mit ihrem Tweed ziemlich genau auf den Punkt. Sie vergleicht auf ihrem Bild eine Hose von Primark mit einer von H&M. Beide Größe 44. Zumindest in der Theorie. Ihr Kommentar: H&M solle diese Hose aus dem Sortiment nehmen. Es sei ihr egal, welche Größe in ihrer Jeans stehe, sie wolle einfach nur eine neue Hose kaufen, betont sie in einem Post darunter.

Ein wichtiger Aspekt. Samantha nämlich stört sich nicht an der Zahl, die da in ihrer Kleidung steht. Sie versucht zu kaufen, was ihr gefällt - und passt. Damit hat die US-Amerikanerin wohl den einzig richtigen Weg gefunden, dieses Problem zu handeln. Zumindest den Einzigen, den Verbraucher wählen können.

Ganz schön machtvoll, die kleinen Nummern in unserer Kleidung.   Copyright: Shutterstock

Unternehmen, wie Inditex, H&M und Co. verfügen über wesentlich machtvollere Instrumente, dem Größenwahn ein Ende zu setzen. In Deutschland existieren bereits einheitliche Standardtabellen, die auf Grundlage umfangreicher Messungen erstellt wurden. Das Problem: Sie werden nicht genutzt. Denn Kleidergrößen verschaffen den Unternehmen die Möglichkeit, ihre Zielgruppe recht genau auszuwählen. Wenn H&M nun mal nicht will, dass kurvige Frauen in ihren Divided Jeans rumlaufen, nehmen sie diesen Frauen über die Konfektionsgröße einfach die Möglichkeit dazu. Bei High-Fashion Labels wie Jil Sander etwa verhält sich dieses Konzept ähnlich. Die Jil Sander Frau passt in filigran und zierlich geschnittene Kleidung mit grafischen Schnitten. Passt du nicht rein, bist du keine Jil Sander Frau.

Es bleiben also zwei Möglichkeiten: Entweder wir quälen uns in welche Richtung auch immer, um willkürlich gewählten Größen zu entsprechen, die wiederum willkürlich gewählte Schönheitsideale bedienen. Oder wir ignorieren die kleinen Zahlen auf dem Etikett und kaufen, was uns gefällt und passt. Noch wichtiger, was zu uns passt. Darin sehen wir nämlich auf jeden Fall gut aus.

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