Interview mit Leo Martin

Das bedeutet die Körpersprache der Influencer

Von Janice-Claire Scholz
07.01.2018 / 10:00 Uhr

Ein freches Augenzwinkern, ein leichtes Zucken am Mundwinkel oder ein kurzer Blick zu Boden. Jede noch so feine Bewegung kann dich verraten und drückt etwas aus. Es ist unmöglich nicht zu kommunizieren. Und dazu Bedarf es nicht immer an Worten. Einer, der jede Gestik und Mimik deuten kann, und weiß, was du denkst und was du fühlst, ist Leo Martin. Er ist kein Gedankenleser, sondern Ex-Agent und Kommunikationsexperte. Oder besser gesagt: Der deutsche James Bond. Als Coach für Kommunikationsstrategien und Körpersprache hält er im Rahmen des diesjährigen Deutschen Modehandels-Kongresses, das von der Fachzeitschrift TextilWirtschaft und dem BTE Handelsverband Textil veranstaltet wird, einen Vortrag über das Thema Geheimwaffen der Kommunikation. styleranking nutzt die Gelegenheit, um näher mit ihm darüber zu sprechen und ihn zu fragen, was für eine Rolle die Mode in der Kriminalistik spielt. Über die Regeln der Körpersprache und die Posen der Influencer haben wir bereits berichtet. Daher wollen wir von Leo Martin unbedingt wissen, wie die Posen von Kim Kardashian, Caro Daur und Gigi Hadid auf ihn als Kommunikationsexperten wirken. Exklusiv für styleranking deutet Leo Martin die nonverbale Sprache der internationalen Top Influencer.

Im Interview analysiert Kommunikationsexperte Leo Martin die Körpersprache von Influencern wie Kim Kardashian.   Copyright: Dimitrios Kambouris/ Getty Images

styleranking: Wieso trägst du immer genau diese Outfit-Kombination?

Leo Martin: Dieses Outfit bin ich. Relaxter, sportlicher Business und gleichzeitig Casual Look. Und ich liebe Belstaff-Jacken. Ich habe jede, die es gibt. Außerdem verbringe ich etwa 200 Nächte im Jahr im Hotel. Ich muss zugeben, dass ich immer irgendwo etwas vergesse. Und selbst dann müssen noch alle Klamotten aus dem Koffer zusammenpassen. Deswegen gebe ich mir da keinen großen Spielraum bezüglich der Kombinationsmöglichkeiten. So habe ich diesen Standard-Look entwickelt, der nicht großartig variiert.

styleranking: Wie wichtig war das Thema Mode bei deinem Job als Ex-Agent?

Leo Martin: Mode ist ein Statusspiel. Während unserer Undercover-Ermittlungen haben wir uns immer dem Milieu der Zielperson angepasst, um nicht aufzufallen. Mit Fokus auf die Zielperson ging es darum, möglichst viele Gemeinsamkeiten mit ihr in den Vordergrund zu stellen. Das bedeutet, wenn ich etwas mit einem Millionärssohn zu tun hatte, der sich in edlen Clubs aufhielt und mit Papas Porsche fuhr, dann habe ich meinen Style angepasst: Schicke Hose und Schuhe, teure Uhr, Markenhemd. Und wenn es um einen Typen ging, der tagsüber in einer Werkstatt arbeitete und abends mit Drogen dealte, dann gehörten eher ein lockeres Shirt, zerrissene Jeans und alte Sneaker zum Outfit. Eine große Herausforderung für die Observationsgruppen: das Aufnehmen einer Zielperson. Teilweise liegen einem da nur sehr alte Fotos vor oder Fotos, die auf einem exklusiven Event geschossen wurden. Dann musst du denselben Herren am nächsten Morgen aber auch im Jogginganzug auf dem Weg zur Tankstelle wiedererkennen. Da darf man sich von der Mode nicht reinlegen lassen.

Redakteurin Janice trifft Ex-Agent Leo Martin zum Interview.   Copyright: styleranking

„Mode ist ein Statusspiel“

styleranking: Was muss man tun, um das Vertrauen einer Person für sich zu gewinnen?

Leo Martin: Man muss immer im Hinterkopf haben, dass man Vertrauen nicht erzwingen kann. Man kann es nicht mit Geld erkaufen und auch nicht mit rationalen Aussagen herbei argumentieren. Vertrauen entsteht nur über Erfahrungen und Erlebnisse. Mein Job war es, in kurzer Zeit viele Erlebnisse zu schaffen, die dann auf ein gemeinsames Beziehungskonto einzahlen.

styleranking: Was muss ich tun, damit eine Person mir alles erzählt? Auch Dinge, die sie eigentlich gar nicht Preis geben will.

Leo Martin: Grundsätzlich kann man Andere für sich gewinnen, wenn zwei Grundbedürfnisse befriedigt werden. Das erste ist das Gefühl der Sicherheit. Der Andere muss zu 100 Prozent wissen, woran er bei dir ist. Wofür stehst du, wofür stehst du nicht? Das muss die Person beantworten können. Das zweite Grundbedürfnis ist genauso wichtig: die Wertschätzung. Du musst dem Anderen auch dann mit Respekt begegnen, wenn der Konflikt noch so groß ist. Wenn du diese beiden Punkte beachtest, hast du gute Chancen, deinem Gegenüber etwas zu entlocken.

Die Pose von Kim Kardashian

styleranking: Hier haben wir drei bekannte Influencer. Was für einen Eindruck machen diese Personen auf dich? Was siehst du als Experte der Nonverbalen Kommunikation? Fangen wir mit Kim Kardashian an.

Leo Martin: Die ersten Assoziationen, die mir bei Kim Kardashian einfallen: Hochstatus, steif, Model. Sie hat eine aufrechte Haltung, einen intensiven Blick. Man weiß zwar nicht, wohin der Blick geht und vielleicht geht der ins Leere, aber es ist ein bestimmender Blick - nichts Verträumtes. Die Person weiß, was sie will.

Die Pose von Caro Daur

styleranking: Was sagst du zu einem der gefragtesten Influencer Deutschlands: Caro Daur?

Leo Martin: Auf den ersten Blick merkt man, dass sie einen Sinn für Mode hat. Aber ich sehe auch ein Möchtegern-Model und kein richtiges Model. An ihr ist etwas Laszives, etwas Bitchiges. Sie kommt nicht natürlich rüber. Mit ihrer Pose stellt sie einen intimen Moment dar, den man eigentlich nur mit jemand Vertrautem teilt. Und das zusammen mit diesem Ausschnitt ist sehr freizügig.

Die Pose von Gigi Hadid

styleranking: Was fällt dir zu Gigi Hadid auf?

Leo Martin: Hier merkt man, dass es sich um ein echtes Model handelt. Sie wirkt sehr weich, obwohl sie bestimmt auch Härte zeigen kann, wenn es notwendig ist. Sie wirkt natürlich, wie ein nettes Mädchen von nebenan. Ihre Arm- und Handhaltung sprechen für ein eher devotes Auftreten.

styleranking: Einer deiner Vorträge trägt den Titel: „#Geheimwaffen der Kommunikation 4.0 – Die Herausforderungen analoger Kommunikation in einer digitalen Welt“. Was sind denn die konkreten Herausforderungen?

Leo Martin: Ich bin Experte für die analogste Form der Kommunikation und das ist nun mal face-to-face, Auge in Auge. Wenn das aber wegfällt und das Digitale zum Einsatz kommt, bin ich mir der Reaktion meines Gegenübers nicht mehr so bewusst. Das bedeutet, ich kann nicht wie in einem Face to face-Gespräch testen, wie etwas beim Anderen ankommt. Dementsprechend kann ich auch nicht mehr nachjustieren, wenn etwas schlechter ankam. Das bedeutet, meine Worte verlieren an Wirkung. Ich weiß auch nicht, in welcher Stimmung der Andere ist, wenn er meine Nachricht liest. Dabei hat die Stimmung des Lesers bedeutende Auswirkung auf die Interpretation des Textes. Ist der Andere positiv gestimmt, wird er die Nachricht auch positiver bewerten, als wenn er gerade mies gelaunt ist. Das ist eine große Kommunikationsfalle.

styleranking: Wieviel nonverbale Kommunikation steckt in einer Whatsapp-Nachricht?

Leo Martin: Emojis haben es wieder leichter gemacht. Viele bewerten einen Text schon als Katastrophe und negativ, wenn mal kein Smiley mit dabei ist. Das Risiko von Missverständnissen steigt enorm, wenn nur noch in Halbsätzen formuliert wird, in einem hohen Tempo, auf verschiedenen Kanälen gleichzeitig und bei geteilter Aufmerksamkeit. So verlieren wir an Wirkung und Missverständnisse sind vorprogrammiert.

„Sobald du eine Entscheidung triffst, positionierst du dich“

styleranking: Was kann man dir als Experte der nonverbalen Kommunikation verheimlichen?

Leo Martin: Du kannst mich den ganzen Tag anlügen und ich würde es eventuell nicht merken. Aber sobald du eine Entscheidung triffst, positionierst du dich. Und dann zeigst du dein wahres Gesicht. Man muss nicht so sehr darauf achten, was jemand sagt, sondern darauf, wie er sich verhält. Im Körper steckt mehr Wahrheit als in den Worten. Auch wenn der Andere unter Druck steht, zeigt er sein wahres Gesicht. Dann ist man manchmal nicht mehr höflich, diplomatisch oder politisch korrekt. In dem Moment zeigt man, wie man wirklich denkt und fühlt.

styleranking: Auf deiner Webseite steht das Zitat: „Man muss Menschen rühren, nicht schütteln.“ Was meinst du damit?

Leo Martin: Wenn du Menschen für deine Ideen und Ziele gewinnen willst, dann funktioniert das nicht mit Druck, nicht mit Tricks, nicht mit Geld und nicht mit rationalen Argumenten. Das geht nur über die Beziehungsebene, über den emotionalen Weg.

styleranking: Vielen Dank für das Gespräch, Leo!

Vor großem Publikum, wie auf dem diesjährigen Deutschen Modehandels-Kongress, verrät Leo Martin seine Tricks für einen effektiven Umgang mit den Mitmenschen.   Copyright: Nathan Ishar/ Pramudiya

Leo Martin ist 1976 geboren. Er studiert Kriminalwissenschaften und arbeitet von 1998-2008 für den deutschen Geheimdienst. Sein Job ist es, Informanten aus dem Milieu der organisierten Kriminalität anzuwerben. Eine seiner Hauptaufgaben: Bestimmte Personen innerhalb der Mafia zu finden und diese unter schwierigen Rahmenbedingungen in kürzester Zeit dazu zu bringen, mit dem Geheimdienst zu kooperieren. Sein durch jahrelanger Erfahrung gesammeltes Wissen nutzt er nun, um Anderen dabei zu helfen Menschen zu lesen und nonverbale Kommunikation richtig zu deuten. Auf dem Fernsehsender RTL ist er zwei Jahre lang als Experte "Verfolgt - Stalkern auf der Spur" zu sehen. Des Weiteren hat er bereits Bücher veröffentlicht, die zum SPIEGEL-Bestseller gekürt wurden. Dazu gehört „Ich krieg dich! Die Kunst, Menschen zu gewinnen.“ und „Ich durchschau dich! Die Kunst, Menschen zu lesen.“. Das ganze Jahr über ist er als Coach für Kommunikationsstrategien und Körpersprache unterwegs und gibt wertvolle Tipps, wie man den eigenen Einfluss auf Andere erhöhen kann und ihr Vertrauen gewinnt.

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