Modehandels-Kongress 2016

MHK 2016: Sales schaden der Fashionbranche - Storytelling im Einzelhandel wird wichtiger

Stephanie Ernst
Von Stephanie Ernst
11.11.2016 / 10:30 Uhr

Ein altes Sprichwort sagt: Der Kunde ist König – und viele wollen ihm dienen. Die Zahlen neuer Labels, Designer und vor allem Onlineshops explodieren. „Digitalisierung ist eine Chance“, sagt die junge Product Managerin Jana Knezovic vom Label FTC Cashmere. Als Vertreterin der jungen Generation sieht sie vor allem die Vorteile im Netz: „Aus dem großen Angebot muss man sich das aussuchen, was passt.“ Nie war die Konkurrenz auf dem Fashionmarkt größer als heute - und das fordert neue kreative Ideen. Willkommen auf dem Modehandels-Kongress 2016! Ende Oktober führen uns die Chefredakteure der Textilwirtschaft Hagen Seidel und Michael Werner im Maritim Hotel Düsseldorf durch ein vortragsgeladenes Programm voller Überraschungen. Dabei dominieren vor allem drei Themen: Wie sticht die eigene Marke in den Weiten des World Wide Web heraus? Brauchen wir den klassischen Einzelhandel noch? Wie wirken sich Sales auf den Modemarkt aus?

Bench Chef Bruno Sälzer während seines Vortrages auf dem Modehandels-Kongress 2016.   Copyright: Euijae Kim

Social Media als Marketingplattform

Internetshopping boomt: Der konkurrenzbeladene Onlinemarkt ist das große Thema des Modehandels-Kongresses 2016. Das digitale Angebot zwingt Unternehmer zu neuen Formaten. Wie schwierig es heute ist, Digital Natives zu begeistern, bespricht Bruno Sälzer. Der Chef von Bench bezeichnet die junge Zielgruppe des Streetwearlabels als Social Butterflies: Mit dem Internet aufgewachsen, ständig vernetzt, trendfokussiert und insgesamt schwer zu berechnen. Als Marke muss man auf die vorherrschende Internetaffinität reagieren. So imponierte BENCH die Jugend mit einem innovativen 24-Stunden live Videoformat auf Snapchat. Viele Unternehmer nutzen Social Media mittlerweile zur Kundenbindung.

Auch Co-CEO des Labels Nile Clothing Kevin Willy folgt dem live Videotrend auf Facebook und Snapchat. „Es geht dabei um Authentizität”, sagt er über das Videostreaming. Perfektion sei hier allerdinmgs nicht gefragt. Neben Bewegtbildern suchen Markenvertreter auch andere Möglichkeiten, um Menschen über das Netz zu erreichen. Im Rahmen seines Vortrags stellt Oliver Van den Bossche, Vorsitzender der Geschäftsführung von GALERIA Kaufhof, die neue Kaufhof Mobile App 10 vor. Dadurch soll Onlineshopping noch einfacher und bequemer ablaufen. Das digitale Angebot zwingt Unternehmer also zu neuen Formaten – sie müssen den Kundeninteressen gerecht werden.

Fast jeder der 300 Plätze im Kongresssaal des Düsseldorfer Maritim Hotels ist besetzt.   Copyright: Euijae Kim

Internet-Schwachstellen nutzen: Neue Shoppingtrends

Onlineshops gibt es wie Sand am Meer. Thema des Modehandels-Kongresses 2016 sind auch neue Shoppingformen, die aus der Masse herausstechen. „Ein großes Thema ist Curated Shopping“, kündigt Moderator Hagen Seidel an. Neben ihm sitzen Anna Alex von Outfittery und Ivo Scherkamp von Zalon by Zalando. Beide sind Geschäftsführer von Personal Shopping Services im Internet. Das Prinzip: Auf der Website Stilfragen beantworten, von Stylisten Outfits zusammenstellen lassen und das Paket vor die Haustür geliefert bekommen.

Warum dieses Prinzip heute so gut funktioniert? Anna Alex hebt die Schwachstellen des Internetshoppings hervor: „Die Auswahl im Netz ist so riesig, dass sich viele überfordert fühlen.“ Auf der großen Leinwand erscheinen Onlineshop-Bilder von schlichten blauen Hemden - in gefühlt 30 Variationen. Sie erklärt: „Bei uns muss der Kunde nur aus den Kleidungsstücken seiner Outfittery Box aussuchen – das entlastet und spart Zeit.“ Während ihr Geschäftsmodell nur für Männer gilt, bietet Ivo Scherkamps Zalon den Service auch für Frauen an. „Über die Hälfte unserer ZALON Kunden sind weiblich. Frauen suchen Inspiration, Männer wollen Zeit sparen“, erklärt Ivo Scherkamp Zalons Konzept. Ein System mit Zukunft, denn die digitale Angebotsvielfalt wird noch weiter steigen.

Ivo Scherkamp, Anna Alex und Hagen Seidel im Gespräch.   Copyright: Euijae Kim

Globale Ketten und Preisverfall: Die Konkurrenz macht Druck

Sale oder kein Sale, das ist beim Modehandels-Kongress 2016 die Frage. Was Schnäppchenjäger freut, stellt Fashionunternehmer vor große Herausforderungen. Globale Ketten wie Amazon und ZARA locken mit verführerisch günstigen Angeboten und drücken die Preise mit Rabattaktionen noch weiter nach unten. „Sales stigmatisieren den Markt. Die Wahrnehmung der Mode in der Öffentlichkeit ist dadurch eher negativ“, sagt Moderator und Textilwirtschaft Chefredakteur Michael Werner.

Entwertet sich der Modemarkt immer mehr? Viele Referenten des Modehandels-Kongresses stellen sich eindeutig gegen die sinkende Preiskultur. „Wir wollen keine E-Commerce-Rabattschlachten“, sagt comma Chefin Sonja Blömker klar und deutlich im Interview mit Werner. Auch Anna Alex und Ivo Schwerkamp sprechen sich gegen Rabatte aus. Dass ihr Personal Shopping Konzept auch ohne Schnäppchenpreise funktioniert, erklärt sich Schwerkamp so: „Der Kunde will das Passende finden, nicht das Günstigste.“ Käufer kann man also nicht nur durch Schnäppchenpreise gewinnen – eine Identifizierung mit dem Markenimage zieht genauso an.

Comma Chefin Sonja Blömker spricht mit Michael Werner über ihre Marketingstrategien.   Copyright: Euijae Kim

Zukunftaussichten: Onlineshops oder Einzelhandel?

Modefachfrau Sonja Blömker will Kunden vor allem durch überzeugendes Storytelling begeistern: „Jeden Monat müssen wir eine spannende Geschichte mit neuen Schwerpunkten erzählen“, betont sie und hebt die Wichtigkeit einer gelungenen Bildsprache hervor. Das gilt nicht nur für den Onlinebereich, sondern auch für den klassischen Einzelhandel.

Denn trotz der weitverbreiteten Euphorie für das Shoppen im Netz zählen Unternehmer nach wie vor auf die Retailstores vor Ort. Hier ist Einkaufen noch ein wahres Erlebnis – findet auch Modehandels-Kongress Referentin Ellen Wigner. Ihr Concept-Store erlebe wigner! löst im kleinen Ort Zirndorf Begeisterung bei den Kunden aus. Für das dazugehörige (Online-)Magazin werden Mitarbeiter als Models eingesetzt und kalligrafische Elemente benutzt, die wie handgeschrieben wirken. Persönlichkeit und Nahbarkeit, das sticht heraus. Fashion, gutes Essen, Accessoires und aktuelle Trends verknüpft sie immer wieder aufs Neue. „Vielfalt wird uns helfen, den Anforderungen gewachsen zu sein“, sagt Ellen Wigner. Ein Mantra, was die derzeitigen Ansprüche in der Fashionbranche gut zusammenfasst.

Die Quintessenz des Modehandels-Kongresses 2016: Fashionhändler müssen heute gleichzeitig auf den zwei Ebenen überzeugen - Online und im Einzelhandel. Vor allem müssen sie wissen, wie sie diese unterschiedlichen Kanäle clever verknüpfen. Social Media und Onlineapps helfen dabei. Gleichzeitig gilt es neben großen Ketten zu bestehen. Scheinbar setzen Händler vor allem auf individualisierte Angebote im heutigen Massenmarkt.

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