Kinderkolumne

Gandalph-Jason, Justin-Jeremiah: Warum konstruierte Kindernamen schwer in Mode sind

Gabriela Keller
Von Gabriela Keller
11.06.2016 / 12:00 Uhr

Früher, zu Zeiten der alten Bundesrepublik, war alles so einfach. Papa guckte um acht Tagesschau, Mama arbeitete wenn überhaupt nur halbtags, man wählte CDU oder SPD, es gab eine breite Mittelschicht, mit Bausparvertrag, Buchsbaumhecken und Zweitwagen in der Hofeinfahrt, in Deutschland stand eine Mauer. Und die Mädchen hießen entweder Kerstin, Stefanie, Katrin oder Martina, die Jungen hießen gefühlt alle Michael, Stefan oder Thomas.

Diese Zeiten sind vorbei. Heute ist die Welt globalisiert und unübersichtlich, von überall dringen fremde Einflüsse, der Mittelstand erodiert, die AfD gewinnt Wählerstimmen, die soziale Schere reißt auseinander. Das hat auch das Spektrum der üblichen Vornamen verändert: Mit der sozialdemokratischen Gleichheit ist es längst vorbei, heute versuchen viele Eltern, ihren Kindern möglichst individuelle, einfallsreiche Namen mitzugeben – schließlich glauben alle Väter und Mütter, dass ihr Baby etwas ganz Besonderes ist.

Doch Geschmack ist geprägt von Bildung und Schicht, und in der Folge bilden die Vornamen von Kindern den sozialen Status ihrer Familie deutlicher ab als jemals zuvor. Schon seit vielen Jahren geht ein Witz um: „Ich heiße Kevin.“ – „Hallo, Kevin.“ – „Ich habe ein Problem.“ – „Das sagten Sie bereits.“ Der Begriff Kevinismus oder auch Chantalismus bezeichnet den Hang der bildungsfernen, unteren Schichten, ihrem Nachwuchs anglo-amerikanische oder sonst wie exotische, vermeintlich glamouröse Namen zu geben, die aus aktuellen Hollywoodfilmen, Serien oder auch aus der Werbung bekannt sind. Heutzutage heißen Kinder, die in den Plattenbauten der abgehängten Vororte unseres Lands zur Welt gekommen sind, Marilyne Jadoré, Destiny Chayenne, Gandalph-Jason oder Sunny-Tiger Jolie.

Die Standesämter in Deutschland lassen allerdings nicht jede Idee zu. Wenn man sich die Liste der abgelehnten Namen aus den vergangenen Jahren anschaut, kann man nur sagen: Zum Glück für die Kinder. Dazu gehören: Crazy Horse, Desperado, Porsche und Gucci. Was akzeptiert worden ist, klingt jedoch zum Teil auch nicht viel besser, so zum Beispiel: Don Armani Karl-Heinz (offenbar heißt so das Kind, deren Eltern mit ihrer vorherigen Idee „Desperado“ scheiterten), Imperial Purity, Peaches, Chanel, Matt-Eagle (nicht zu verwechseln mit Mettigel), Despot, Cinderella-Melodie und Camino Santiago Freigeist.

Diese Auswahl zeigt deutlich, dass die Marotte von US-Promis, ihren Kindern möglichst abwegige Vornamen zu geben, längst auch bei uns angekommen ist. Und die Standesämter lassen immer mehr Namen durchgehen, die früher nicht denkbar gewesen wären. Zu den Vorschriften zählt, dass ein Name als solcher zu erkennen sein muss, dass er das Kindswohl nicht gefährdet und sich geschlechtlich zuordnen lassen muss. Andernfalls ist ein Zweitname Pflicht. Feste Regeln gibt es aber nicht, die Standesbeamten entscheiden im Einzelfall. Falls die Eltern mit ihrer Idee auf Widerstand stoßen, können sie bei der Namensberatungsstelle der Universität Leipzig oder der Gesellschaft für deutsche Sprache um ein Gutachten bitten.

Wer nachweisen kann, dass der Name in einem anderen Kulturkreis im Gebrauch ist, hat gute Chancen, damit auch bei uns durchzukommen. Deswegen sind inzwischen auch bei uns Namen wie Sunshine und Destiny möglich – in den USA gibt es ja genug Leute, die so heißen.

Kim Kardashian gab ihrer Tochter den Namen North West.   Copyright: Pascal Le Segretain / Getty Images

Allerdings unterscheiden sich die amerikanischen Konventionen bei der Namensgebung erheblich von den deutschen. Hierzulande sind traditionell nur Namen im engeren Sinne im Gebrauch. Orte („Brooklyn“) oder Sachnamen, die sich auf Obstsorten („Blueberry“) Wetterphänomene („Rainbow“) oder abstrakte Konzepte („Honor“) beziehen, sind bei uns erst seit Kurzem im Gebrauch – und wenn, dann nur in der englischen Variante. In Amerika dagegen haben ungewöhnliche Vornamen eine lange Tradition: Bei den Puritanern ist es seit dem 17. Jahrhundert Sitte, Kindern moralisch-programmatische Namen zu geben, etwa Grace, Purity oder Hope. Auch deutlich extravagantere religiös geprägte Versionen waren damals verbreitet, so etwas wie The-Lord-is-Near, Fear-not, Sorry-for-Sin oder Win-the Fight.

Ebenso ist der Gebrauch von Nachnamen als Vornamen in den Staaten durchaus verbreitet. Beliebte Namen wie Kelly, Taylor und Madison leiten sich von Familiennamen her. „Sailor“ heißen zum Beispiel der Sohn von Liv Tyler und die Tochter von Bristol Palin, die Beckhams haben ihre Tochter „Harper (Seven)“ genannt – all diese Namen kommen im anglo-amerikanischen Raum recht oft vor und dürften daher kaum bei jemandem dort ein Kopfschütteln auslösen.

Hinzu kamen in den späten 60ern die Hippies, die Substantive aus metereologischen oder geologischen Wortfeldern als Namen populär machten: Rainbow, Lake, Flame oder Moon.

Was in Amerika und anderen englischsprachigen Ländern Usus ist, klingt für deutsche Namen schlicht sonderbar. Wer würde sein Baby „Wuppertal“, „Anmut“ oder „Krause“ nennen wollen? Wer seine Vorbilder auf der anderen Seite des Atlantik sucht, übernimmt daher gleich die englische Variante – auch bei uns heißen nun manche Mädchen Bluebell wie die Tochter von Gerri Halliwell, aber eben nicht Glockenblume. So wie Gwyneth Paltrow rufen inzwischen auch deutsche Eltern ihre Töchter Apple, aber nicht Apfel. Auch der Zweitname von Til Schweigers Tochter Emma Tiger wird englisch /Taiger/ ausgesprochen.

Sängerin Beyoncé und Rapper Jay-Z haben ihr Kind Blue Ivy, zu Deutsch: Blauer Efeu, genannt.   Copyright: Mark Davis / Getty Images

Aber mit den ungewöhnlichen Vornamen ist es so eine Sache. Oft wirkt das, was in der Theorie ein besonderes, elegantes Flair versprühte, in der Praxis gezwungen und ein bisschen peinlich. Wenn Brandon Lee mit Nachnamen Kawuttke heißt, muss das Kind einem leidtun – so eine Kombination ist kein Name, sondern ein Milieumerkmal.

Namensforscher gehen ohnehin davon aus, dass der Name eines Kindes seine Erfolgschancen maßgeblich beeinflussen. Wer würde schon einem Kevin daten oder einstellen wollen? Namen spiegeln Lifestyle und soziales Prestige. Entsprechend beziehen sich die Akademiker-Eltern im Berliner Bionade-Bezirk Prenzlauer Berg sich mit der Wahl der Namen für ihre Kinder auf den preußischen Adel des 19. Jahrhunderts: Karl-Friedrich, Viktor Paul Theodor, Cäcilie Helene, Ada Luise – die Tauflisten mancher Viertel lesen sich dieser Tage wie die FDP-Wahlliste für das Europaparlament.

Natürlich haben solche Namen viel mit Abgrenzung und Statusdenken zu tun – klar, dass die kleine Frida-Paulina auf die bilinguale Privatschule geht und die kleine Hailey Summer auf die ranzige Sekundarschule. Inzwischen gibt es sogar Agenturen, die maßangefertigte Kindernamen als Dienstleistung anbietet: Die Schweizer Agentur Erfolgswelle denkt sich klangvolle Besonderheiten fürs Baby aus – für Eltern, die bereit sind, dafür 28.000 Euro hinzulegen. Ein Team aus Textern, Historikern, Übersetzern und Marken-Anwälten entwickelt exklusive Vorschläge, die sich durch „Wohlklang und Rhythmus“ auszeichnen.

Ob man in dieser Frage auf eine Agentur setzen möchte, die sich allen Ernstes „Erfolgswelle“ nennt, sei dahingestellt. Prinzipiell aber wundert es kaum, dass wohlhabende Eltern bereit sind, für ein solches Angebot tief in die Tasche zu greifen: Es gibt Designerstrampler und Designerwiegen für Babys. Da ist es nur konsequent, dass nun auch maßangefertigte Luxusnamen im Angebot sind.

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