Retuschier-Verbot

Schöner Schein: Was das neue Photoshop-Gesetz aus Frankreich taugt

Von styleranking
16.10.2017 / 00:00 Uhr

Von Franziska Gajek und Caroline Macaraig

Sie sind groß, jung, hübsch und tragen die berühmte Size Zero. Zahlreiche Models, die auf internationalen Laufstegen zu sehen sind, und eine Menge Influencer entsprechen jenem Schönheitsideal. Dem Schönheitideal einer Figur ohne Fettpölsterchen an den falschen Stellen. Dem Schönheitsideal, das aus unserem Alltag nicht mehr wegzudenken wäre. Die Beautyqueens begleiten uns täglich. Sie lächeln uns auf Werbeplakaten, von Zeitschrift-Covern und Instagram-Accounts entgegen. Alle sehen irgendwie ziemlich perfekt aus. Zu perfekt, könnte man meinen. Dieses Misstrauen hat einen guten Grund. Bei der Bearbeitung von Werbekampagnen und Editorialshootings werden oft rigoros Pfunde weggemogelt, Zentimeter bei der Körpergröße hinzugeschummelt, Pickel entfernt und Hautunreinheiten beseitigt. Photoshop macht’s möglich. Um diesem Wahnsinn ein Ende zu bereiten, hat Frankreich jetzt ein Gesetz verabschiedet. Was die neue Regelung tatsächlich kann, haben wir genauer hinterfragt.

Die Fakten

Jetzt ist es amtlich: Seit dem 1. Oktober 2017 müssen Bilder, die mit Photoshop bearbeitet wurden, in Frankreich mit „retouched photograph“ oder „photographie retouchée“ gekennzeichnet werden. Wer sich nicht daran hält, dem droht laut Focus eine satte Strafe von bis zu 37.500 Euro. Denn Eingriffe in die Bildästhetik anhand manueller Bearbeitung sind nicht immer so deutlich erkennbar, wie bei dem Vogue Cover auf dem unter anderem Gigi Hadid, Adwoa Aboah oder Plus-Size Model Ashley Graham zu sehen sind. (Kleiner Tipp: Achte mal auf den doch sehr langen Arm von Imaan Hammam, dem dritten Model von rechts.)

Grundsätzlich wird jedes Bild, das wir in Magazinen oder auf Plakaten sehen, bearbeitet. Mal mehr, mal weniger. Und eigentlich weiß das auch jeder. Psychischen Druck bauen die Bilder dennoch auf - bei jungen, ebenso wie bei erwachsenen Männern und Frauen. Die Wahrscheinlichkeit, an einem künstlich erzeugten Ideal zu scheitern, ist hoch. Es folgen Unzufriedenheit, das Gefühl zu Versagen oder ein beeinträchtigtes Selbstbewusstsein. Eine deutsche Studie wies sogar nach, das solch verzerrte Ideale, wie sie zum Beispiel bei Germany's next Topmodel propagiert werden, die Entstehung von Essstörungen begünstigen können.

Die nun im französischen Gesetz verankerte Verpflichtung, bearbeitete Bilder zu kennzeichnen, erzeugt auf jeden Fall eines: Dem Betrachter wird explizit klar gemacht, dass die entsprechenden Bilder nicht der naturgegebenen Wahrheit entsprechen. Nach dem Gesetz, das eine Gewichtsuntergrenze für Models auf Laufstegen und bei Fotoshootings festlegt, ist das der nächste große Fortschritt. Bereits seit Anfang 2017 müssen sich Models in Frankreich vom Arzt bescheinigen lassen, dass ihr Body-Mass-Index mindestens 18,5 beträgt und sie gesund schlank sind.

Models wie Kaia Gerber müssen schlank sein, um von den internationalen Designern gebucht zu werden. Dünn sein heißt aber nicht, makellos zu sein. Bei vielen Werbeproduktionen werden die Models durch technischen Einsatz von ihren letzten Makeln befreit.   Copyright: Pascal Le Legretain/ Getty Images

Der Haken

Bevor wir jetzt jedoch vor Begeisterung laut „Vive la France“ rufen, kommt das große Aber: Die neue Regelung bezieht sich ausschließlich auf Änderungen der Figur, also wenn Beine länger, Taillen schmaler oder Rundungen runder gezaubert werden. Was genau auf dem Bild verändert wurde, verrät die Kennzeichnung nicht. Wo genau und wie groß die Markierung zu sehen sein muss, ist ebenfalls nicht festgelegt. Optische Photoshop-Verjüngungskuren wie zum Beispiel geglättete Fältchen oder Änderungen der Haarfarbe müssen weiterhin nicht gekennzeichnet werden. Zudem bezieht sich das Gesetz ausschließlich auf kommerziell verwendete Bilder. Editorials wie Modestrecken in Fashionmagazinen und nicht bezahlte Instagram-Posts sind davon nicht betroffen. Der Post von Sängerin Rihanna würde also nicht unter die Kennzeichnungspflicht nach französischer Gesetzgebung fallen. Wäre hier aber auch nicht nötig gewesen. Der zusätzliche Finger ist ohnehin sehr auffällig.

Getty Images zieht mit

Die Fotoplattform Getty Images hat sich die Debatte, trotz Einschränkungen, zu Herzen genommen und umgehend reagiert: Ab sofort werden keine Bilder mehr akzeptiert, auf denen die Figur der Models verändert wurde, wie es auf der Homepage heißt. Ob und wie Getty Images das allerdings prüfen will und welche Konsequenzen bei Verstoß drohen, lässt das Unternehmen offen.

Mehr Schein als sein

Die neue Kennzeichnungspflicht in Frankreich und die Regelung von Getty Images sind ein Schritt in die richtige Richtung und heizen die Debatte um verzerrte Schönheitsideale neu an. Das ist wichtig. Denn Bilder werden auch in Zukunft bearbeitet und verkaufen uns Ideale, die im realen Leben nicht existieren. Umso wichtiger, dass über dieses Phänomen aufgeklärt wird und sich die Problematik als festes Gesprächsthema im gesellschaftlichen Diskurs etabliert. Nur dann haben wir die Chance, vorgegebene Schönheitsideale zu überdenken. Nur dann schaffen wir uns selbst die Möglichkeit, Bildästhetiken zu genießen und das ganz ohne Druck auf das eigenen Schönheitsempfinden. Das neue Photoshop-Gesetz wird Marken, Magazine und Co. nicht davon abhalten, auch in Zukunft Bilder zu bearbeiten. Schönheit lässt sich eben besser verkaufen. Umso wichtiger, dass wir autonom entscheiden, was wir schön finden.

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