Musik-Tipp

Singer-Songwriterin Balbina: Modische Melancholie auf Deutsch

Moritz Lindert
Von Moritz Lindert
30.05.2015 / 17:40 Uhr

Manchmal liest, sieht oder hört man etwas, das einen nicht mehr loslässt. Man ist gefesselt und weiß nicht warum. Als ich vor einigen Wochen das erste Mal ein Lied der Sängerin und Songwriterin Balbina hörte, erlebte ich so einen Moment. Die Berlinerin schreibt und komponiert Musik, die anders ist als alles, was sich momentan Popmusik nennt. Musik, die mich erst irritiert, dann fasziniert und schließlich infiziert hat. Und das, obwohl Balbina scheinbar nur von Tischen und Goldfischen singt.

"Die größte Pop-Entdeckung des Jahres" titeln die Musik-Magazine - Balbina singt "Über das Grübeln" und geht im Herbst auf Deutschlandtournee.   Copyright: Nico Wöhrle

Obwohl mit Über das Grübeln gerade das zweite Studioalbum der 31-Jährigen erschienen ist, fing Balbinas Karriere recht unmusikalisch an. Geboren in Warschau und aufgewachsen in Berlin, waren ihre ersten Berührungen mit der Musik alte ABBA-Kassetten und Whitney Houston Aufnahmen. Die Liebe zu Wörtern und Wortspielen entdeckte sie schon von klein auf, schrieb erste Texte und wirkte in der deutschen Rapszene mit. Heute blickt sie in ihren Lyrics manchmal auf diese Momente zurück. Über das Grübeln ist Musik zum allein sein. Balbina singt von Gedankenspielen und über das Nachdenken, die wir nur mit uns selbst verhandeln können. Es geht um Selbstzweifel und fehlende Ideen, ums Sich-nicht-Entscheiden-Können, ums Erwachsen-werden und Klein-sein-wollen. Solche tiefsinnenige Musik möchte man nicht auf wilden Housepartys und lauten Empfängen hören. Balbina macht Songs für die Momente dazwischen.

Balbinas Musik ist Dichtung und Verdichtung. "Dekaden rasten in einem Atemzug an mir vorbei; sitze am Zeitfenster, so verändert" - wenn Balbina in Wecker von diesen Augenblicken singt, steckt darin mehr als nur ein flüchtiger Moment. Sie malt Bilder von donnernden Zügen, rennender Zeit und wie wir ihr langsam durchs Fenster hinterher blicken. Es macht Spaß, bei jedem neuen Hören wieder eine neue Facette ihrer unglaublich durchdachten Dichtungen zu entdecken. Aus dem Spiel mit Worten und Metaphern über ganz Alltägliches entwickelt Balbina eine eigene, große Welt, in der Text, Ton und Bild einander die Hand reichen.

Balbina in einem Outfit der Berliner Designerin Susann Bosslau.   Copyright: Nico Wöhrle

Es braucht Zeit, ihre grandiosen Lieddichtungen und Kompositionen zu entdecken. Da entwickeln sich Beats aus dem kleinen Geräusch eines Weinkorkens. Das unaufhaltsame Ticken einer Uhr wird zur Bassline, wenn man aufmerksam hinhört. Balbinas liebstes Wort ist "Über". Denn es geht in ihren Liedern nicht nur um Ohropax, Tische oder einen Blumentopf. Die Ausnahmekünstlerin meint viel mehr, wenn sie mit ihrer samtigen Altstimme neue Töne anschlägt.

Für ihre Musikvideos und Auftritte arbeitet die 31-Jährige mit der Modedesignerin Susann Bosslau zusammen, mit der sie die gedichteten Bilder in außergewöhnliche Kleider verwandelt. Ihre Outfits sind aus Neopren und Malerflies, rauer Jute und glattem Synthetikstoff. Alles kastig und skulptural, denn Balbina mag nichts, was zu verspielt und romantisch ist. Lage über Lage zieht sie sich statische Röcke und Hemden im Video zu Kuckuck an, nur um sie dann mit ihren eigenen Liedtexten wieder Schicht für Schicht zu entblättern. Balbina und Susann Bosslau verstecken und verändern den Körper, damit man ihn durch die wunderbaren Songtexte neu entdeckt.

"Über das Grübeln" ist im April 2015 beim Plattenlabel Four Music erschienen.

Fast wünscht man sich, Balbina möge ein Geheimtipp bleiben, damit man ihre Lieder nur noch einen Moment länger ganz für sich genießen kann. Aber das wäre eine Schande. Gerade ist die junge Musikerin als Vorband auf Herbert Grönemeyers Dauernd Jetzt Tour unterwegs, ein ziemliches Abenteuer direkt nach dem zweiten Albumrelease. Im Herbst geht sie selbst auf Tournee und singt in neun verschiedenen Städten in Deutschland und der Schweiz über das Grübeln - und wird dabei sicher noch mehr Leute fesseln.

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