Starfotograf im Interview

Peter Lindbergh: "Ich fotografiere keine Kardashian-Popos!"

Von Hafize Tatlicak
04.05.2017 / 09:00 Uhr

Peter Lindbergh gilt als der Fotograf schlechthin in der Mode- und Lifestylewelt. Weltberühmtheiten wie Mick Jagger, Madonna oder Kate Winslet posierten bereits vor seiner Linse. Durch seine Arbeit mit Cindy Crawford, Linda Evangelista, Tatjana Patitz, Noami Campbell und Christy Turlington prägte er den Begriff des Supermodels. Die Liste seiner Klienten liest sich wie ein Modegedicht. Um nur wenige Magazine zu nennen, in denen er bereits seine Werke veröffentlichte: Vogue, Rolling Stone, Vanity Fair und Harper's Bazaar. Schwarz-Weiß Bilder sind sein Markenzeichen. Der heißbegehrte Fotograf aus Duisburg lebt seit Jahren in Paris und besucht für seine gemeinsame Ausstellung mit Garry Winogrand "Woman On Street" das NRW Forum in Düsseldorf. Wir treffen den Starfotografen zum Interview, erhaschen einen Einblick in seine Ausstellung und erfahren seine Haltung zu Mode, Schönheit und Fotografie.

styleranking Crew-Member Stefanie Klaeser trifft den Starfotorgafen Peter Lindbergh zum Interview.

styleranking: Beim Blick auf Ihre Bilder wird dem Betrachter klar: Das sind ja ganz normale Frauen, die dennoch so schön wie Models aussehen.

Peter Lindbergh: Mein Kollege Winogrand hat was sehr Schönes gesagt: "Ich weiß nicht, ob die Frauen, die ich fotografiere, schön sind. Ich weiß nur, dass sie auf meinen Bildern schön aussehen." (lacht) So ein wahnsinnig schöner, süßer Spruch! Ganz toll!

styleranking: Haben Sie selbst auch so einen parat?

Peter Lindbergh: Wollen Sie jetzt pathetisch werden? Ich würde es mal so sagen: Mir hat das Spaß gemacht. Zum Beispiel beim letzten Pirelli-Shooting. Wir arbeiteten am neuen Kalender für 2017. Diesen Auftrag habe ich eigentlich angenommen, um den Begriff von Schönheit neu zu definieren, wieder dahinzubringen, wo er früher stand. Lange bevor Schönheit oder Beauty, wie auch immer man das nennen mag, mit dem verwechselt worden ist, was für kommerzielle Zwecke nützlich ist. Diese Retusche und diese ganzen ausgestrafften Frauen. Denen wird die kleinste Spur von Gedanken, die sich im Gesicht widerspiegeln, wegretuschiert. Ich finde es schlimm, dass einem prägende Erfahrungen wegretuschiert werden.

styleranking: Was ist denn Schönheit genau?

Peter Lindbergh: Wenn man ein Gesicht ansieht und sich vorstellt, dass jeder Gedanke, jede Tat und jede Erfahrung Spuren hinterlässt. Es gibt doch nichts Schöneres als das. Das interessiert mich am allermeisten. In meiner Fotografie, aber auch im Leben. Und je mehr Erfahrung man sammelt, desto mehr kann man die Schönheit im Gesicht lesen.

styleranking: Wie sehen Sie die Personen, die sie fotografieren, wenn Sie durch die Kameralinse schauen?

Peter Lindbergh: Man fotografiert eigentlich das, was zwischen Fotograf und Modell entsteht. Nämlich etwas ganz Besonderes. Das ist so flexibel. Wenn sich die beiden mögen, kann man die Person praktisch formen.

styleranking: Gibt es einen Star, den Sie fotografiert haben, der Sie besonders beeindruckt hat?

Peter Lindbergh: Die sind alle so toll und engagiert und für mich wie eine Art Familie. Die machen alle lieber Kunst als Geld. Das sind wirklich keine Blockbuster-Pussies, sie sind einfach wahnsinnig.

styleranking: Sie haben eben über Schönheit gesprochen und in einem Film gesagt, Jean Moreaux und Pina Bausch hätten, neben Ihrer Eherau, für Sie die schönsten Gesichter. Ist das noch so?

Peter Lindbergh: Ja, natürlich.

styleranking: Pina Bausch ist auch im herkömmlichen Sinne eine interessante Frau gewesen. Sie ist eine Freundin von Ihnen, oder?

Peter Lindbergh: Ja, war.

styleranking: Was fasziniert Sie an diesen Gesichtern? Jeanne Moreaux ist auch eine sehr spezielle Frau mit einem wundervollem Mund. Woran setzen Sie in diesen Fällen Schönheit fest?

Peter Lindbergh: In einem Pirelli-Film habe ich ein kleines Statement zum Pirelli-Kalender gegeben. Damals war es ungefähr so wie heute: Frauen werden als Botschafter für ewige Jugend und Perfektion benutzt. Was aber nicht mit Schönheit gleichzusetzen ist. Deshalb wollte ich an Schönheit erinnern, die in Vergessenheit geraten ist. Die nichts mit kommerziellen Interessen zu tun hat, sondern auf Sensibilität beruht. Und aus der Courage, man selbst zu sein und seine Sensibilität zu zeigen. Das ist zusammenfassend, was Schönheit heute bedeutet oder sein sollte. Und was ist übrig geblieben? Das werden wir uns in 200 Jahren fragen, wenn Sie jetzt ganz viele von diesen Junghalttabletten essen. In 200 Jahren, wenn Sie dann noch leben und die Leute, die Sie dann kennenlernen, sagen: "Was war denn damals? Was waren das denn für Leute? Wie die Menschen da ausgesehen haben?"

styleranking: Sie meinen die Botoxmenschen?

Peter Lindbergh: Botox, Retusche, alles, was man heutzutage auf Papier sieht. Ich kann verstehen, wenn das die Industrie macht. Wir verkaufen Hautcreme. Da helfen wir ein bisschen nach, damit das Ergebnis so toll wird, dass alle Frauen dieses Produkt benutzen wollen. Damit lassen sich Arbeitsplätze rechtfertigen. Es gibt viele Gründe, auch wenn es keine gute Entschuldigung ist. Aber inzwischen ist das so runtergesackt. Auch in den Modeheften, wo die ganzen Leute das eigentlich gar nicht machen müssten, da es keinen kommerziellen Grund dafür gibt. Die finden das alle tatsächlich schön. Und wenn Sie heute jemandem ein Foto zeigen, (ich habe immer einen Holzhammer dabei, wenn ich das Foto zeige), dann sagen die Leute: "Oh schööön! Ja, das ist doch super. Das ist aber ein bisschen dick der Schenkel hier und den Hals kannst du ein bisschen höher machen hier und das schmaler und dann streck das Ganze nochmal ein bisschen." So reden wir heute über Fotos. Aber nicht mit mir, weil es dann Ärger gibt! Normalerweise werden so die Fotos begutachtet. Keiner nimmt irgendwas mehr, wie es ist.

styleranking: Das gleiche Prinzip gilt auch in sozialen Medien wie Instagram. Eine Plattform, auf der Sie auch Fotos veröffentlichen.

Peter Lindbergh: Sagen wir mal so, ich möchte da jetzt nicht unbedingt Reklame machen...

styleranking: Die jüngere Generation findet es ganz toll, dass Sie dort vertreten sind und lieben Ihre Bilder. Sie haben ja unglaublich viele Follower, das ist ein Zeichen.

Peter Lindbergh: Ich mache nichts. Ich veröffentliche nur meine Bilder und fotografiere keine Kardashian-Popos...

styleranking: Richtig. Und das ist ein Zeichen, dass auch das Gegenteil sehr gut ankommen kann.

Peter Lindbergh: Das ist eine Haltung. Es gibt auch Mode, die Kunst ist. Das nennt man Haute Couture. Wenn man sieht, was heute normale Frauen, die 2500 Euro verdienen, für Sachen kaufen. Was das für Geld kostet und wie viel die von Ihrer ganzen Existenz aufgeben dafür. Obwohl, ich trage auch einen Armani-Mantel, ein Armani-T-Shirt, weil der Giorgio mir das schenkt.

styleranking: Weil der Schnitt und die Qualität so gut ist? Oder, weil sie von Armani sind?

Peter Lindbergh: Nein, ich habe mal etwas für Armani gemacht. Und da sagte Giorgio: Geh du mal vorher, bevor du das der Presse vorstellst, kurz bei der Boutique vorbei..." Und da sagt die Verkäuferin noch: "Oh, dieser Mantel, nehmen Sie noch diesen Mantel!" Da habe ich ein paar Sachen, wo ich aussehe wie ein normaler Mensch.

styleranking: Sie leben in Paris. Haben Sie schon mal überlegt, nach Deutschland zurückzukommen?

Peter Lindbergh: Da möchte ich keinem auf die Füße treten. Aber die schöne Antwort, um sich da rauszuziehen, ist: Ja, Deutschland unbedingt. Aber ich wüsste nicht genau wohin. Weil hier kann man es sich ja aussuchen, in Paris kann man es sich nicht aussuchen. Berlin? Also ich finde Berlin superschön, um da ein bisschen rumzulaufen. Aber jetzt nicht, um dorthin zu ziehen. Das würde ich nicht machen.

styleranking: Sie könnten ja nach Düsseldorf ziehen?

Peter Lindbergh: Jaaa, jaaa...

styleranking: Zurück nach Hannover?

Peter Lindbergh: Ja das hängt davon ab, welcher Bürgermeister mir das größere Haus gibt. (lacht)

styleranking: Denken Sie manchmal ans Aufhören?

Peter Lindbergh: Was?! Gerade jetzt, wo es interessant wird?

styleranking: Vielen Dank für dieses Gespräch.

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