Interview

Thomas Hayo: „Social Media kann dir zum Einstieg ins Model Business verhelfen"

Von Franziska Gajek
26.04.2018 / 10:56 Uhr

Irgendwo im sonnigen Kalifornien sitzt Thomas Hayo auf einem Podest und schaut konzentriert durch seine Sonnenbrille. Das Runzeln auf seiner Stirn lässt erahnen, was in seinem Kopf vorgeht, während ein Model nach dem anderen den Catwalk absolviert: Welches meiner Mädchen muss wohl heute die Show verlassen? Tausende Fans verfolgen Woche für Woche Heidi Klums Germany’s next Topmodel, das nach 8-jähriger Jurorentätigkeit irgendwie auch zu Hayos Germany’s next Topmodel geworden ist. Thomas Hayo rückt durch die Castingshow ins Licht der Öffentlichkeit. Eine erfolgreiche Karriere hatte er bereits vorher. Er arbeitet als Creative Director für Marken wie Levi’s oder Reebook, lebt und wirkt in New York. Nun schlägt er eine neue Richtung ein. Auf der Gallery Shoes stellt er seine Schuhkollektion für Crickit vor und spricht mit uns über gutes Design, gute Models und die MeToo-Debatte.

Crew-Member Franzi trifft GNTM-Juror und Boots-Liebhaber Thomas Hayo zum Interview.   Copyright: styleranking

styleranking: Du arbeitest als Creative Director, als Juror, jetzt auch noch als Schuhdesigner. Wie schaffst du es, in all deine Projekte Herzblut zu legen?

Thomas Hayo: Ich wähle Projekte aus, die mir am Herzen liegen und dann fließt das Herzblut von ganz allein. Wenn ich Spaß an meiner Arbeit habe, fühlt sie sich nicht wie Arbeit an. Das habe ich früh erkannt.

styleranking: Was zeichnet gutes Design für dich aus?

Thomas Hayo: Gutes Design ist zeitlos. Gutes Design basiert auf dem Wesentlichen. Das hat mit Proportionen zu tun, mit Linien. Man muss das Wesentliche destillieren und dann perfektionieren. Gutes Design richtet sich nicht nach dem Taste of the Season. Das gilt für ein Sommerkleid, für eine Lederjacke, für Architektur und auch für Produktdesign. Auf Schuhe trifft es ganz besonders zu. Schuhe tragen dich durchs Leben. Wenn das Design stimmt, werden Boots mit dem Tragen immer besser. Sie werden ein Teil von dir.

„Niemand sollte Kleidung nach den Vorgaben irgendwelcher Modemagazine auswählen"

styleranking: Könntest du dir vorstellen in Chunky Sneaker von Balenciaga zu schlüpfen?

Thomas Hayo: Ich interessiere mich natürlich sehr für Mode. Aber Mode muss auch zu meinem Style passen. Sonst wirkt es wie eine Verkleidung. Deshalb ist es so wichtig, dass Leute ihren Stil finden. Niemand sollte Kleidung nach den Vorgaben irgendwelcher Modemagazine auswählen. So geht es mir auch mit Sneaker. Ich habe mir gerade erst neue gekauft. Allerdings die Nike Air Force Special Field. Einen Klassiker.

styleranking: Liegt der Fokus deiner Schuhkollektion auf Trends oder deinem eigenen Geschmack?

Thomas Hayo: Ich sollte in den Schuhen wiederzufinden sein. Aber gerade Boots symbolisieren auch den aktuellen Zeitgeist. Sie stehen für Stärke und Female Power. Frauen, die ich attraktiv finde sind Girls, die einen eigenen Kopf und einen eigenen Willen haben. Solche Frauen, wie etwa Alexa Chung oder Cara Delevingne, kombinieren ein Chanel-Dress zu einem coolen Biker Boot. Das sind Mädels, die mit beiden Boots im Leben stehen.

styleranking: Wie definierst du Schönheit?

Thomas Hayo: Schönheit setzt sich für mich aus Individualität und Selbstbewusstsein zusammen. Ich glaube, das kann man auf Menschen und auf Design beziehen. Bei Personen geht es darum, wie jemand geht, wie er sich gibt, wie er redet, welche Energie er ausstrahlt. Schönheit und Femininität haben nicht unbedingt mit optischer Schönheit zu tun.

styleranking: Muss das perfekte Model dann überhaupt schön sein?

Thomas Hayo: Nein. Das perfekte Model muss faszinierend sein und die Leute in seinen Bann ziehen. Ich erinnere mich noch an die Anfangszeiten von Kate Moss. Die hat dem Schönheitsideal überhaupt nicht entsprochen, mit ihrer Rock n’ Roll Pixie Girl Attitude. Auch Mädchen im Bereich High Fashion mit sehr strengen Gesichtszügen, großen Nasen und interessanten Profilen sind für die breite Masse vielleicht nicht schön, sehen aber aus, als könnten sie eine Geschichte erzählen.

styleranking: Könnte ein Mädchen Germany’s Next Topmodel gewinnen, ohne einen Instagram-Account zu besitzen?

Thomas Hayo: Unsere Sendung kann sie gewinnen. Danach im Business zu arbeiten, wird schwierig. Inzwischen ist Social Media eine generelle Art der Kommunikation, wir gestalten unser ganzes Leben damit. Die Kunden fragen mich heute, welche Followerzahlen das Mädchen hat, das ich für sie auswähle. Und Models werden oftmals gerade deswegen ausgesucht. Über die Profile kann ich sehen, ob ein Mädchen den Lifestyle der jeweiligen Marke wirklich lebt.

„Das Fame Game ist für viele Leute zum Lebensziel geworden"

styleranking: Wie beeinflusst Social Media die neue Model-Generation?

Thomas Hayo: Die jungen Mädchen wachsen mit einem enormen Social Media-Bewusstsein auf. Mit dem erschreckenden Wissen, dass dir die Social Media Präsenz zu einem Einstieg ins Model Business verhelfen kann. Das Fame Game ist für viele Leute zum Lebensziel geworden. Ich finde es schwierig, Berühmtheit als Ziel festzulegen. Idealerweise solltest du durch ein Talent oder eine besondere Eigenschaft bekannt werden.

styleranking: Ist der Model Job, wie er auf Social Media präsentiert wird, in dieser Form überhaupt realistisch?

Thomas Hayo: Die Realität des Berufs hat sich in der Zeit, in der ich die Show mache, völlig verändert. Eigentlich kannst du sagen, dass die Show Germany’s Next Topmodel von Jahr zu Jahr relevanter wird. Früher wurde ein Topmodel von den Chefredakteuren, Creative Directors, und Designern ausgewählt. Inzwischen spricht die Masse ein gehöriges Wörtchen mit. Kendall Jenner oder Gigi Hadid hätten früher nie Chanel eröffnet. Ihr Erfolgsgeheimnis liegt in ihrer Präsenz im Reality TV und den großen Followerzahlen. Je länger du also in der Sendung dabei bist, desto toller finden dich die Leute und die Brands. Wenn du dann am Ende der Staffel ein paar Hunderttausend Follower hast, sind große Kosmetik-und Fashion-Unternehmen an dir interessiert. Du bist bereit für den Einstieg ins Business, während du früher abhängig warst von Agenten oder einem Fotografen, der dich entdeckt. Heute haben die Mädchen großen Einfluss auf ihren Erfolg.

styleranking: Klingt nach der Demokratisierung der Modelbranche.

Thomas Hayo: Die Modelbranche wurde demokratisiert. Ich sehe darin aber auch Tücken. Denn wem die Masse folgt, macht nicht immer Sinn.

styleranking: Stichwort MeToo-Debatte. Findet das Thema unter den Mädchen der aktuellen GNTM-Staffel statt?

Thomas Hayo: Nein, bei uns findet es nicht direkt statt. Wir verhalten uns den Mädchen gegenüber sehr respektvoll. Für mich persönlich ist es aber ein Thema. Ich arbeite in der Branche, in der dieses Thema enorm in den Fokus gerückt ist. Leute, die ihre Position derartig ausgenutzt haben, sind eine Katastrophe. Mir war es immer wichtig, mit Menschen zusammen zu arbeiten, bei denen sowas nicht passiert. Ich begrüße sehr, dass dieser Shift jetzt da ist. Das Problem anzugehen ist wichtig.

„Leute, die ihre Position derartig ausgenutzt haben, sind eine Katastrophe"

styleranking: Was würdest du einem jungen Model raten, um diesen Situationen aus dem Weg zu gehen?

Thomas Hayo: Sobald sich jemand inkorrekt verhält, sollte das Model sich gleich an den Agenten, den Creative Director oder jemand anderen am Set wenden. Es ist wichtig zu wissen, dass so etwas unter keinen Umständen zum Business gehört. Und dass Dinge, die sich nicht gut, nicht richtig anfühlen, angesprochen werden müssen. Die große Pflicht der Agenten ist es dann, das weiterzutragen und nicht zu sagen, das ist ein wichtiger Fotograf, bei dem ist das eben so. Solche Leute gehören ausgegrenzt. Die gehören nicht in dieses Business. Die Verantwortung trägt die ganze Branche.

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