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Tokio Hotel im Interview: „What happens on tour stays on tour”

Von Lara Schwitalla
15.10.2017 / 09:30 Uhr

Vor dem Filmpalast auf dem Kölner Hohenzollernring bildet sich bereits zu Anbruch des fünften Oktobers eine Menschentraube. Mit jeder Stunde wächst die Menschenmenge um den Roten Teppich. Eine weitere Filmpräsentation im Rahmen des Film Festival Cologne nähert sich. Am Abend wird Premiere gefeiert. Um viertel vor sieben soll die Dokumentation Hinter die Welt über die Kinoleinwand in Saal Eins flimmern. Als zweite Refrainzeile des Chartstürmers Durch den Monsun liegt auf der Hand, welche international erfolgreiche, deutsche Band Regisseur Oliver Schwabe über zahlreiche Monate hinweg begleitet hat. In wessen Alltagsstress und Fan-Extase er eingetaucht ist. Welche vier Musiker sich während der intensiven Dreharbeiten im Privaten und Beruflichen seine Anerkennung mit Leichtigkeit erarbeitet haben. Anlässlich der Kinopremiere von Hinter die Welt trifft styleranking Redakteurin Lara Bill und Tom Kaulitz, Gustav Schäfer und Georg Listing zum Interview und plaudert mit den Jungs von Tokio Hotel über Affären, ihre Work-Life-Balance, Abstürze, Hochzeitspläne, den Produktionsprozess ihrer Alben und ihre musikalische Zukunft.

Zur Filmpremiere von Hinter die Welt plaudert Redakteurin Lara mit Georg, Bill, Tom und Gustav über ihre Dokumentation und mehr.   Copyright: Lukas Wiegand

styleranking: Starten wir mit einer Frage zur Premiere eurer Dokumentation: Was hat euch dazu motiviert, Hinter die Welt zu produzieren?

Bill Kaulitz: Wir waren an einem Punkt, an dem wir uns die Zeit nehmen wollten, unsere Geschichte zu erzählen. Es kursieren immer wahnsinnig viele Gerüchte um uns. Es wird diskutiert über Toms und meinen Umzug nach Los Angeles oder die lange Pause mit der Band. Bis jetzt fehlte ein Einblick, wie es dazu gekommen ist und wie wir als Band funktionieren. In den meisten Interviews hat man nur wenig Zeit und keine Plattform, solche Themen zu erklären. Der Film soll Antworten geben, was in den Jahren passiert ist. Nicht als Rechtfertigung, sondern als Einblick, den man sonst nur schwer von der Band bekommt. Dann haben wir das Konzept von unserem Regisseur Oliver Schwabe bekommen. Obwohl uns das gefallen hat, waren wir zu Beginn ein bisschen skeptisch, jemanden so einfach in unser Leben zu lassen. Wir haben immerhin über zwei Jahre lang gefilmt. Die Kamera war immer dabei, es gab keine Tabus. Das kam so nur zustande, weil die finale Freigabe bei uns lag. Wenn man Kameras in sein Leben lässt, weiß man sonst nie, was am Ende mit dem Material passiert und man verliert leicht die Kontrolle.

styleranking: Seit eurem Comeback 2014 betont ihr, dass ihr eine Balance zwischen Privatleben und Karriere schaffen möchtet. Wie gelingt euch das, insbesondere während solch eines Filmprojekts?

Bill: Wir leben alle in unterschiedlichen Teilen der Welt und führen völlig verschiedene Leben – das ist nicht mehr wie als Teenager. Wir sind mittlerweile alle fast 30, einer ist verheiratet und hat ein Kind. Tom und ich haben uns in Los Angeles eine Welt abseits des Trubels um die Band geschaffen. Da können wir abtauchen und auf der anderen Seite die Zeit mit der Band wieder genießen. Die Balance versuchen wir permanent zu halten. Nach der Tour geht jeder in seine Himmelsrichtung und verschwindet nach Hause. Genau das ist für uns alle wichtig.

styleranking: Also verbindet euch letztendlich die Freundschaft.

Bill: Genau! Das ist ein ganz spezielles Gefühl, wenn wir vier wieder zusammen sind. Heute zum Beispiel fängt Gustav wie in alten Zeiten wieder an zu rauchen, obwohl er eigentlich aufgehört hat.

Tom: Die Energie ist immer wieder die gleiche, wenn man zusammen ist. Wir sind mittlerweile so viel auf Tour, dass wir uns im Privatleben ohne Probleme aufteilen können. Mittlerweile spielen wir so um die 60 Shows im Jahr – da ist es gut, wenn man zwischendurch getrennt voneinander auf verschiedenen Kontinenten wohnt.

Im Rahmen des Film Festival Cologne feiern Tokio Hotel die Premiere ihrer Dokumentation.   Copyright: Lukas Wiegand

styleranking: Gustav, wie bringst du das Tourleben mit Ehefrau und Kind unter einen Hut?

Gustav Schäfer: Das geht schon. Wenn wir in Europa touren, sind wir immer viel in Deutschland unterwegs, sodass man hin und her fahren kann. Wenn wir nächstes Jahr über dem großen Teich in Amerika spielen, wird es etwas schwieriger. Aber auch das kriegen wir hin.

Tom: Zum Schluss ist das alles eine Frage der Organisation. Bill und ich haben ja auch zwei Kinder, nämlich zwei Hunde. Nach Lateinamerika können wir die nicht mitnehmen. Ansonsten sind die immer mit auf dem Tourbus.

styleranking: Eure Alben produziert ihr komplett selbst. Wie viel habt ihr bei den Dreharbeiten eurer Dokumentation hinter den Kulissen selbst übernommen?

Bill: Wir haben natürlich Ideen mit eingebracht. Aber am Ende haben wir Oliver einfach machen lassen. Er hatte eine klare Vision vom Film und hat sich an sein Konzept gehalten.

Tom: Vor allem haben wir von Anfang an viel miteinander gesprochen.

Bill: Wir waren ständig im Austausch. Am Ende hatten wir die Möglichkeit, Sequenzen rauszukicken oder zu verändern. Wir haben die Pre-Fassung im Kino in Berlin alle gemeinsam gesehen und waren total happy damit. Natürlich hatten wir ein paar Anmerkungen für Änderungen. Aber es kann auch passieren, dass man Monate lang dreht, den Film sieht und denkt: Absolute Katastrophe! So war es glücklicherweise nicht. Deshalb waren wir sehr schnell am Ziel. Oliver hat von allen die meiste Arbeit in den Film gesteckt und nonstop daran gearbeitet. Während der Dreharbeiten hat Oliver uns zwei Perioden von Alben und Tourneen begleitet. Wir waren also in unserem üblichen Businessstress und er ist als Regisseur in unseren Alltag eingetaucht.

"Die Doku ist keine Realitysoap von zu Hause"

Seit ihrem Comeback 2014 versuchen die Jungs ein Gleichgewicht zwischen Job und Privatleben zu halten.   Copyright: Lukas Wiegand

styleranking: Doppelt sich die Dokumentation mit dem Buch, das ihr Zwillinge schreibt?

Tom: Das glaube ich nicht. Der größte Unterschied zum Film, der uns auch am Herzen lag: Die Doku ist keine Realitysoap von zu Hause. Obwohl wir die Kameras nah an uns rangelassen haben, sollte dabei keine Dokumentation von Bills und meinem Haus entstehen, die zeigt, wie wir den ganzen Tag am Pool chillen. Trotzdem wollten wir die Kameras nah an uns ranlassen und haben unsere Türen so gut wie überall geöffnet. Der Film sollte sich nicht zu krass auf unser Privatleben konzentrieren, sondern die Bandgeschichte und unseren Beruf in den Fokus stellen. Das Buch handelt viel mehr von privaten Gedanken. Wobei es zum Schluss ein Roman bleibt.

Bill: Man kann sich also selbst überlegen, was davon fiktiv ist und was stimmt. Der Roman erzählt aus der Perspektive von zwei Brüdern, die in der Musikindustrie aufwachsen.

styleranking: Was ein Zufall!

Georg Listing: Ich muss ehrlich sagen, ich habe schon richtig Angst vor dem Buch.

Tom: Im Buch erzählen Bill und ich aus unserer Perspektive.

Bill: In der Dokumentation erzählt Oliver als Macher des Films aus seiner Außensicht über die Band. Man bekommt ein gutes Bild, wie unterschiedlich wir leben und wie sich unsere Rollen innerhalb der Band unterscheiden. Es war für uns spannend zu sehen, wie wir von außen auf Andere wirken. Ohne die Sicht der Kamera reflektiert man nur selten auf diese Weise.

styleranking: Georg und Gustav, ihr kennt das Buch noch nicht?

Bill: Nein!

Georg: Ich glaube, ich werde das auch nicht lesen.

Bill: Georg schenken wir dann das Hörbuch.

Tom: Das Buch ist ja auch noch nicht fertig. Wir haben vor etwa eineinhalb Jahren mit dem Buch angefangen und stecken noch mitten im Schreibprozess.

Bill: Geplant ist, dass wir das Buch im Frühjahr nächsten Jahres veröffentlichen.

styleranking: Also doch in absehbarer Zeit.

Georg: Da habt ihr aber noch ein bisschen was zu tun.

Tom: Das weißt du doch nicht!

Georg: Ich kenne euch ja.

Bill: Wir wollen dieses Jahr den Schreibprozess größtenteils abschließen, Anfang nächsten Jahres Feintuning machen und dann im Frühjahr veröffentlichen.

"Wir wollen uns alle zusammen ein Einhorn tätowieren lassen"

Nach der Dokumentation über die gesamte Band soll im Frühjahr 2018 der Roman von Bill und Tom Kaulitz veröffentlicht werden.   Copyright: Lukas Wiegand

styleranking: Was ist zwischen euch vieren der größte Freundschaftsbeweis? Das Buch zu lesen, ist es schonmal nicht.

Georg: Ich glaube, wir brauchen keine Beweise für unsere Freundschaft. Wir sind mehr als Freunde und kennen uns länger als die Hälfte unserer Leben.

Gustav: Vielleicht ein schönes Portrait stechen lassen.

Tom: Das finde ich auch einen schönen Freundschaftsbeweis.

Bill: Wir wollten uns doch alle zusammen ein Einhorn tätowieren lassen! Wenn Georg das mitmacht, ist er ein wirklicher Freund. Wenn er der Einzige ist, der sich kein Freundschaftstattoo stechen lässt, dann müssen wir uns wirklich Gedanken um einen neuen Bassisten machen.

Georg: Unter den großen Zeh lasse ich mir ein Einhorn tätowieren.

Tom: Vielleicht lassen wir uns das alle unterm Fuß stechen.

Bill: Unterm Fuß doch nicht! Weißt du, wie das weh tut?

Tom: Muss ja nicht groß sein.

Georg: Dann kannst du einmal Baden, die Hornhaut richtig abschrubben und dann ist das Einhorn wieder weg.

Bill: Ich finde, wir machen das hinten als Arschgeweih.

Georg, Bill, Tom und Gustav kennen sich bereits länger als ihr halbes Leben.   Copyright: Lukas Wiegand

styleranking: Um noch ein bisschen mehr über euch herauszufinden, beendet ihr bitte die Satzanfänge zu jedem von euch gegenseitig. Beginnen wir mit: Nach dem Aufstehen ist Bill…

Tom: Ziemlich hässlich.

Georg: Du bist heute aber schon wieder in Höchstform, Tom.

styleranking: Ergänzungen?

Tom: Aufgequollen. Hangover.

Georg: Nach dem Aufstehen ist Bill meistens sehr leise.

Gustav: Nicht ansprechbar.

Georg: Er ist sehr unkommunikativ direkt nach dem Aufstehen. Morgens erträgt er es nicht, wenn viel geplappert wird.

Bill: Ich brauche so meine Zeit…

Georg: …bis das im Kopf wieder alles funktioniert.

Bill: Ich habe mein Morgenritual und das dauert ein bisschen. Ich bin nicht so der Morgenmensch.

styleranking: Gustav ist Dauergast bei…

Bill: Beim Barbecue.

Georg: Beim Barbecue, wenn nebenan auch eine Bar ist.

Tom: Beim Kiosk beim Alkoholverkauf.

Bill: Gustav grillt gerne zu Hause, hat Freunde da und trinkt.

styleranking: Tom wird zur Furie, wenn…

Tom: Da müssen die Anderen jetzt gut aufpassen.

Bill: Wenn wir schlecht über eine seiner Affären sprechen, was tatsächlich mal vorkommt. Dann wird er zur Furie. Da ist er ganz dünnhäutig.

Tom: Aber eigentlich ist er der… Liebste!

Georg: Das war ja nicht der Satz.

"Georg ist im Flugzeug zusammengeklappt, weil er eine Alkohol- und Drogenvergiftung hatte"

Als kreative Köpfe der Band stehen Tom und Bill Kaulitz oft im Fokus der Öffentlichkeit.   Copyright: Lukas Wiegand

styleranking: Das krasseste Erlebnis mit Georg war…

Georg: Das wird schwer.

Tom: Mit 40 km/h in der 30er Zone zu fahren.

Bill: Als er alleine in Amsterdam feiern war und wir am nächsten Tag geflogen sind. Da ist Georg im Flugzeug zusammengeklappt, weil er eine Alkohol- und Drogenvergiftung hatte.

Georg: Drogenvergiftung stimmt doch überhaupt nicht.

Bill: Du meintest, dir hätte jemand was ins Glas getan. Wir denken auch bis heute, dass du vielleicht vergewaltigt wurdest. Vielleicht waren da auch ein Paar Roofies im Spiel.

Tom: Nicht vergewaltigt, aber entjungfert zumindest.

"Ich könnte mir vorstellen, bald zu heiraten"

Boys will be boys: Im Interview nehmen die Jungs von Tokio Hotel kein Blatt vor den Mund.   Copyright: Lukas Wiegand

styleranking: Ihr habt ziemlich unterschiedliche Beziehungsstatus. Wenn ihr euch entscheiden müsstet, wählt ihr lieber Singleleben und Unabhängigkeit oder Beziehung und Sicherheit?

Bill: Da können sie jetzt alle nicht ehrlich sein. Ich kann ehrlich sein: Weil ich schon so lange Single bin, wäre ich gerne in einer Beziehung. Ich könnte mir vorstellen, bald zu heiraten, wäre gerne mal wieder richtig verliebt und für ein paar Jahre in einer funktionierenden Beziehung.

Georg: Aber nur für ein paar Jahre.

Bill: Für den Anfang reicht das erstmal. Ich habe noch nie mit jemandem zusammengewohnt und würde ich mir das mal wünschen.

styleranking: Und die Anderen?

Bill: Die wären gerne unabhängig – das weiß ich – sind es aber nicht.

Gustav: Im Endeffekt ist es der Mix. Ich bin total gerne zu Hause bei meiner Frau und meinem Kind.

Bill: Aber - what happens on tour stays on tour.

styleranking: Dann machen wir mal einen Themenwechsel.

Georg: Ganz schnell, bitte.

styleranking: Social Media sind nicht mehr aus unserem Leben wegzudenken – sei es im Privatleben, für Fankontakt oder Promotion. Welche Rolle spielen die sozialen Medien bei euch beruflich und privat?

Bill: Also Tom macht’s gar nicht.

Tom: Ich mach’s nur für Direct Messages.

Bill: Tom benutzt Instagram nur zum daten.

Tom: Ich habe noch nie jemanden gedatet über Instagram!

Bill: Natürlich! Das ist gelogen! Ich weiß genau, dass das stimmt.

Tom: Ich persönlich finde es schön, wenn man das Handy mal nicht in der Hand hat. Ich finde es schrecklich, wenn Leute den ganzen Tag am Handy hängen. Ich habe meinen offiziellen Instagram-Account, der übrigens mal verifiziert werden sollte, obwohl ich noch nie etwas gepostet habe. Mein Ziel ist es, die meisten Follower zu bekommen, ohne etwas zu posten. Ich will die Social Media Welt revolutionieren.

Georg: Das hast du doch längst erreicht. Du müsstest jetzt was ganz anderes damit machen.

Tom: Das habe ich noch gar nicht erreicht. Nicole Kidman zum Beispiel macht das genauso wie ich und hat 200K Follower.

"Tom benutzt Instagram nur zum daten"

Alle vier Bandmitglieder sind - mehr oder weniger - auf Instagram aktiv.   Copyright: Lukas Wiegand

Bill: Ich liebe Instagram. Ich bin gar kein Facebook-Mensch.

Tom: Und viel Tinder halt.

Bill: Ja, schön wär’s. Ich mag alles Visuelle, deshalb bin etwas Instagram-süchtig. Bevor ich ins Bett gehe und direkt nach dem Aufstehen bin ich bei Instagram. Ich habe auch einen Fake-Account, um mir Sachen anzuschauen, die ich mit meinem offiziellen Account nicht anschauen kann. Bei meinem offiziellen Account habe ich manchmal Angst, dass ich doch was Falsches anklicke.

Georg: Und wie heißt der Fake-Account?

Bill: Das verrate ich nicht. Den Fake-Account nutze ich wirklich nur, um Leute auszuchecken.

Georg: Ich nutze Instagram auch ab und zu gerne aber nicht regelmäßig.

styleranking: Euren Fans zuliebe: Schaut ihr euch auch Fan-Accounts an?

Bill: Ja! Das machen wir alle. Wenn die anderen Direct Messages bekommen, schauen sie sich die Fan-Accounts an und nehmen auch gerne mal ein Foto an.

Georg: Tom mag es überhaupt nicht, wenn er eine Direct Messages bekommt und der Account dann privat ist.

Bill: Das mag ich auch nicht!

Tom: Das macht überhaupt keinen Sinn! Neu ist jetzt auch: Man schickt mir ein Foto und das kann ich nur sehen, wenn ich diejenige annehme. Was soll denn das? Ich muss doch erstmal gucken, wie schön das Foto ist, bevor ich sie annehme. Dann willst du das Profil anschauen, weil das Foto ganz süß aussieht. Und das Profil ist privat...

"Caro Daur braucht dringend einen Assistenten"

styleranking: Bill, vor Kurzem hat man dich auf deinem Instagram-Account mit Caro Daur in Los Angeles gesehen. Wie steht ihr generell zum Thema Influencer?

Bill: Ich bin da total entspannt. Caro zum Beispiel ist längst weg vom Selfies schießen und macht echte Fashion-Arbeit. Sie ist wahnsinnig wichtig für die Modebranche, hat sich den Erfolg erarbeitet und investiert unglaublich viel Zeit in ihren Blog.

Tom: Es gibt einfach einen Unterschied zwischen den Bloggern. Manche kann man nicht ernst nehmen und andere machen wirklich etwas daraus.

Bill: Viele distanzieren sich vom Influencer-Sein und etablieren sich als Model, machen Kampagnen und bauen sich eine Brand auf. Das macht Caro auch. Meiner Meinung nach braucht sie übrigens dringend einen Assistenten.

Nach über einem Jahrzehnt im Business hat sich Tokio Hotel ein frisches, musikalisches Image zugelegt.   Copyright: Lukas Wiegand

styleranking: Euer aktueller Musikstil in drei Worten.

Bill: Elektronisch. Indie. Pop.

styleranking: Alle einverstanden?

Tom: Wenn man nur drei Wörter hat, ist das immer etwas schwierig. Aber diese Beschreibung lässt viel Raum. Eigentlich möchte man selbst etwas kreieren, das es so noch nicht gibt. Aber das klingt auch langweilig, deshalb ist das eine ganz gute Beschreibung.

styleranking: Ihr produziert so gut wie bzw. tatsächlich alles selbst.

Tom: Alles selbst. Aber nicht ihr, sondern Tom.

styleranking: Mischst du auch selber?

Tom: Ja, aber nicht alle Tracks. Auf dem Album Dream Machine habe ich sechs Songs alleine gemischt und vier haben wir extern mit Andrew Dawson mischen lassen.

"Ich würde niemals einen fremden Song mischen wollen"

styleranking: Das ist eigentlich das Know-how eines Toningenieurs. Wie hast du dir das angeeignet?

Tom: Es kommt immer darauf an, wie man arbeitet. Bei mir ist das gewissermaßen Teil des Schreib- und Produktionsprozesses. Ich bin ein großer Fan von Sounddesign und beginne damit sehr früh. Während ich produziere und schreibe, fange ich parallel an zu mischen und die Sounds zu kreieren, zu designen, zu equalizen und zu komprimieren. Irgendwann ist der Prozess schon so fortgeschritten, dass das Demo nur noch ein paar Korrekturen braucht, bis der Track genau da ist, wo ich ihn haben will. Solche Songs mische ich selber. Bei ein paar anderen Tracks holt ein externer Toningenieur beim Mischen durch eine andere Perspektive nochmal etwas raus.

Bill: Tatsächlich hat Tom sich im Laufe der Zeit alles selbst angeeignet. Das hat sich auch aus der Frustration heraus entwickelt, dass wir ab einem gewissen Punkt nicht mehr glücklich mit unseren Produzenten und Mischern waren.

Tom: Es gibt Toningenieure, die auf das Mischen spezialisiert sind. Das ist bei mir nicht so. Es ist Teil der Produktion und ich liebe das. Ich würde trotzdem niemals einen fremden Song mischen wollen, weil ich so ein guter Mischer bin. Bei meiner eigenen Musik kann ich das gut, würde mir das aber nie auf die Fahne schreiben. Mastern mache ich gar nicht selbst. Das geben wir immer ab. Leider ist unser Master des Vertrauens Tom Coyne vor Kurzem verstorben. Speziell für unsere Musik war er einer der Besten.

Bill und Tom übernehmen die kreative Leitung der Band.   Copyright: Lukas Wiegand

styleranking: Bei What if klingt der Bass wie von einem analogen Minimoog und ihr habt euer Album als Special auch auf Vinyl veröffentlicht. Wenn ihr euch entscheiden müsstet: Würdet ihr lieber rein analog oder digital produzieren?

Tom: Ich mag natürlich den Mix aus beidem. Wir machen viel analog. Wahrscheinlich würde ich mich aber für digital entscheiden, weil man so nicht an große Studios gebunden ist. Man kann mittlerweile erschreckenderweise unglaublich viel digital machen, von überall auf der Welt. Außerdem kann man analoge Sounds so gut reproduzieren, dass man den Unterschied fast nicht mehr erkennt. Deshalb würde ich mich wohl für digital entscheiden. Aber ich liebe es, dass man noch analoge Gear hat.

styleranking: Zum Abschluss: Wie soll es musikalisch weitergehen? Lieber back to the roots oder je moderner desto besser?

Tom: Eher back to the roots. Vielleicht ist das ein bisschen weit aus dem Fenster gelehnt. Zumindest nehmen wir aktuell sehr viel analoge Gear und live Instrumente auf und integrieren das stärker in den Mix, als wir es beim letzten Album gemacht haben. Back to the roots im Sinne klassischer Rockmusik wird es für uns aber nie wieder geben.

Bill: Mit Kings of Suburbia und Dream Machine waren wir sehr elektronisch, um ein Statement zu setzen. In gewisser Weise hatten wir Angst, uns alter Sounds zu bedienen, weil wir uns musikalisch sehr viel weiterentwickelt haben. Mittlerweile haben wir uns von unserem musikalischen Ursprung so weit distanziert, dass wir keine Angst mehr davor haben, alte Sounds mit einfließen zu lassen.

styleranking: Vielen Dank für das Gespräch.

Mittlerweile produziert Tom Kaulitz jeden Tokio Hotel Song komplett selbst.   Copyright: Lukas Wiegand

Von Kind an begeistert von Musik lernten die Kaulitz-Zwillinge Bill und Tom 2001 ihre zukünftigen Bandmitglieder Georg Listing und Gustav Schäfer nach einem Auftritt als Duett unter dem Namen „Black Questionmark“ in einem Magdeburger Club kennen. 2005 gelang den vieren als Band unter dem Namen Tokio Hotel mit der Single „Durch den Monsun“ aus dem Album „Schrei“ der Durchbruch. 2007 erschien mit „Zimmer 483“ ein weiteres erfolgreiches Album, gefolgt von „Humanoid“ 2009. Beide Alben wurden nicht nur auf Deutsch, sondern auch in englischer Sprache veröffentlicht. Nach zahlreichen Konzerten und Tourneen zogen sich Tokio Hotel nach der „Humanoid City“-Tour mehr und mehr aus der Öffentlichkeit zurück, nachdem Fans vor allem die Zwillinge rund um die Uhr verfolgten. Mit dem Umzug von Bill und Tom Kaulitz nach Los Angeles 2010 legte die Band eine kreative Pause ein. Nachdem die Kaulitz-Zwillinge 2013 als Juroren an der Castingshow „Deutschland sucht den Superstar“ teilnahmen, kehrten sie 2014 mit ihrem vierten Album „Kings of Suburbia“ wieder zurück in das Musikgeschäft. Mehrere Monate lang tourten Tokio Hotel mit ihrem neuen Album um die Welt und traten sowohl in den gewohnt riesigen Konzerthallen als auch in kleineren Clubs für eine private Atmosphäre mit ihren Fans auf. Am 14. Januar 2016 verkündete die Band im Berliner Hotel Adlon das Release ihres fünften Albums Dream Machine, welches am 3. März 2017 veröffentlicht wurde. Nach ihrer anschließenden Tour durch Europa folgen 2018 zahlreiche Konzerte in den USA im Rahmen der Dream Machine Tour. Am 5. Oktober feierte Tokio Hotel die Premiere ihrer Dokumentation "Hinter die Welt" auf dem Film Festival Cologne.

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