Nachhaltigkeit

Umweltschützer Tom Szaky: „Konsum kann die Welt verändern“

Von Franziska Gajek
29.12.2017 / 10:00 Uhr

Tom Szaky sammelt Müll. Hauptberuflich. Klingt merkwürdig? Könnte diese Welt aber zu einem besseren Ort machen. Der CEO und Gründer von TerraCycle fischt, gemeinsam mit vielen Freiwilligen, Plastik aus Flüssen und dem Meer oder sammelt es am Strand ein. Aus alten Chipstüten, Plastikflaschen und Verpackungen wird dann recycelter Plastik. Ein Geschäftsmodell, dass bereits in 21 Ländern erfolgreich funktioniert. Seit kurzem ist die Arbeit von Tom und TerryCycle auch für uns zum Greifen nah. Gemeinsam mit Procter und Gamble hat TerraCycle eine Head & Shoulders Shampoo-Flasche entwickelt, die zu 20 % aus recyceltem Strandplastik besteht. Seit Mitte Dezember steht die graue Flasche in den Regalen von Rewe. Beim Deutschen Nachhaltigkeitspreis in Düsseldorf treffen wir den Kanadier zum Interview und sprechen mit ihm über Müll, die Beauty-Branche und Fashion-Tricks für mehr Nachhaltigkeit.

Crew-Member Franziska trifft Tom Szaky beim Deutschen Nachhaltigkeitspreis in Düsseldorf zum Interview.   Copyright: P&G

styleranking: Wenn du an Müll denkst, was ist deine erste Assoziation?

Tom Szaky: Ich frage mich, warum Müll überhaupt existiert. Es war nicht immer so wie heute. Vor 1950 saßen die Menschen auf Stühlen aus Holz. Wenn man die im Wald hat stehen lassen, ist nichts passiert. Mit einem Plastikstuhl von heute wäre das anders. Ebenso verhält es sich mit Kleidung. Die besteht oft aus Nylon oder Polyester, also Plastik. Vor 1950 war sie aus Baumwolle oder Wolle gefertigt. Und das war nicht alles: Ich hätte noch viel mehr Beispiele! Meine Großmutter kaufte sich maximal zwei neue Kleider im Jahr. Heute kauft eine Frau in der westlichen Welt durchschnittlich 76 Teile und trägt diese sieben Mal, bevor sie weggeschmissen werden. Das ganze Problem beinhaltet drei Fragen. Erstens: Wie können wir sicherstellen, dass jedes Material recycelt werden kann? 80 % aller Objekte heutzutage können es nämlich nicht. Dazu zählen auch die Verpackungen von Mascara oder Lippenstift. Zweitens: Wie können wir die Unternehmen dazu bewegen, recycelbare Materialien zu verwenden? Und drittens: Wie können wir der ständigen Entsorgung entkommen? Wenn die Menschen den Müll in der Form weiterhin akzeptieren, werden wir niemals eine Veränderung herbeiführen.

styleranking: Was muss im Leben eines jungen Studenten passiert sein, sodass er beschließt sich dem Müllrecycling zu widmen?

Tom Szaky: Ich war sehr interessiert an Entrepreneurship (Anm. d. Red.: soziales, nachhaltiges Unternehmertum). Das Unternehmertum ist weitaus machtvoller als Politik oder Krieg. Business hat die Macht, Veränderung zu bewirken. Es bleibt aber die Frage: Ist die Veränderung positiv oder negativ? Als ich all diese Dinge in der Uni über BWL gelernt habe, hat mich eins gestört: Die Absicht von Unternehmertum ist immer der Profit der Gesellschafter. So stand es in unseren Büchern. Ich fragte mich, wie man ein Unternehmen aufbauen kann, dessen Zweck nicht nur Profit ist.

„Ich frage mich, warum Müll überhaupt existiert“

styleranking: Was ist die Leitidee von TerraCycle?

Tom Szaky: Eliminiere die Idee von Müll.

styleranking: Als Gründer eines Start-ups musstest du auch Geld verdienen. Wie kann das mit Abfall möglich sein?

Tom Szaky: Es ist immer teurer Müll zu sammeln und zu recyceln als ihn auf eine Müllhalde zu werfen. Nachhaltigkeit ist kostspielig. Der magische Schlüssel für uns liegt darin, den Unternehmen klar zu machen, welchen business-relevanten Vorteil sie durch Recycling erlangen. Es geht um den unternehmerischen Sinn, nicht nur um den nachhaltigen. Mit dem Thema Nachhaltigkeit setzen wir bei den Unternehmen einen Fuß in die Tür. Aber mit dem Business-Aspekt schaffen wir Reichweite. Normalerweise gehen Umweltorganisationen in die Unternehmen und weisen darauf hin, dass diese Verantwortung übernehmen müssen und das Richtige tun sollen. Aber das erzeugt keine Schwungkraft.

styleranking: Mit welchen Herausforderungen hast du sonst zu kämpfen?

Tom Szaky: Die größte besteht darin, die Perspektive der Menschen nachhaltig zu verändern. Traditionelle Recycler fokussieren sich auf den Wert des Materials, das sie wiederverwerten. Damit decken sie ihre Kosten. Wenn man sich aber nur auf den Wert der Materialien fokussiert, funktioniert das System nicht. Es ist zu teuer. Warum ist alles in der Beauty-Industrie, ausgenommen Shampoo- und Conditioner Flaschen nicht recycelbar? Der Grund dafür besteht nicht darin, dass das technisch nicht möglich ist. Der Grund ist, dass es mehr kostet die leeren Verpackungen wieder einzusammeln und zu recyceln. Wir müssen den Unternehmen andere Werte aufzeigen. Wenn wir etwa einen recycelbaren Lippenstift auf den Markt bringen, wird der Konsument diesen vielleicht bevorzugen und davon mehr kaufen. Durch die Gewinnmaximierung können dann die Kosten für das Recycling gedeckt werden. Das ist ein völlig neuer Ansatz. Dahingehend müssen wir die Perspektive der Unternehmen ändern.

styleranking: Freiwillige sammeln den Plastik vom Strand. Was passiert mit dem Plastik im Meer?

Tom Szaky: Wenn wir von Strandplastik reden, meinen wir das Meer, Seen, Flüsse und den Strand. 30 % des recycelten Plastiks, der in der Head & Shoulders-Flasche verarbeitet wurde, stammt eigentlich aus dem Meer. Strandplastik könnte man auch als Marine Plastic oder Ocean Plastic bezeichnen, es ist immer das Gleiche gemeint. Was mir an dem Head & Shoulders-Projekt gefällt: Sie haben den traditionellsten Begriff verwendet. Der Begriff Strandplastik gibt dem Konsumenten das Gefühl, teilhaben zu können. Die Wahrscheinlichkeit selbst an einem Ufer Plastik einzusammeln ist weitaus höher als dass jemand mit dem Boot aufs Meer rausfährt, um das zu tun. Der Begriff ist näher am Leben der Konsumenten. Das ist ein wichtiger Aspekt. Nachhaltigkeit muss sich menschlich anfühlen. Es geht nicht darum, wie viele Tonnen Plastik aus dem Meer gefischt wurden. Es geht darum, dass in jeder Shampoo-Flasche eine Hand voll davon steckt. Erkennst du den Unterschied?

„Nachhaltigkeit muss sich menschlich anfühlen“

styleranking: Hat deine Arbeit bereits fundamental etwas verändert?

Tom Szaky: Das ist eine mutige Frage. Wir hoffen natürlich, dass es so ist. Das eigentliche Ziel unserer Arbeit ist aber die Bedeutung, die sie hat. Uns geht es darum, Unternehmen zu motivieren, Großes zu tun, egal ob mit oder ohne uns. Außerdem wollen wir das Shoppingverhalten der Konsumenten verändern. Sie sind die mächtigste Größe im ganzen System. Kein Unternehmen dieser Welt hält eine Waffe an den Kopf des Konsumenten, damit er deren Produkte kauft. Die Unternehmen produzieren das, was wir wollen und der Konsument votet mit seinem Geld für die Produkte. Umso mehr er von Produkt A kauft, umso mehr davon erscheint in den Regalen. Die meisten Konsumenten setzen diese Macht blind ein. Das ist ein Fehler. Wir wählen zwar nur alle vier Jahre einen neuen Kanzler, aber jeden Tag mit unserem Geld.

styleranking: Wie gehen Männer und Frauen, alte und junge Menschen mit dem Thema Nachhaltigkeit um?

Tom Szaky: Der größte Unterschied besteht zwischen Männern und Frauen. Unter 18-jährige sind wunderbar. Da diesen Menschen einmal die Welt gehören wird, erachte ich das als optimistisches Zeichen für die Zukunft. Männer über 18 interessieren sich dann nicht mehr so dafür, Frauen hingegen sehr. In unserem Unternehmen beschäftigen wir 200 Mitarbeiter, davon sind 80 % Frauen. Um Innovation zu schaffen, braucht es aber die Vielfalt. Das Thema muss von Männern also deutlich intensiver angenommen werden.

Bevor die recycelbare Shampoo-Flasche in unseren Regalen steht, hat sie eine lange Reise vor sich.   Copyright: P&G

styleranking: Wie erreichst du die Männer?

Tom Szaky: Ich kann hier nur sehr allgemein antworten, aber Männer sind eher objektive Denker. Sie erreicht man mit Daten, Zahlen und Fakten. Frauen eher mit emotionaler Kommunikation. Der Schlüssel Menschen zu erreichen liegt darin, sie zu inspirieren. Das Thema Nachhaltigkeit darf nicht zu komplex werden. Wenn ein Fünfjähriger versteht, was wir tun, dann haben wir es richtig kommuniziert.

styleranking: Was waren deine ersten Gedanken zu dem Projekt mit Head & Shoulders?

Tom Szaky: Ich war begeistert, weil es nicht unsere Idee war. In 99 % der Fälle ergreifen wir die Initiative und bringen Ideen in die Unternehmen. Bei diesem Projekt hat man uns angerufen. Ein Mitglied aus dem Head & Shoulders-Team bekam ein Foto zugeschickt, auf dem eine ihrer Plastikflaschen im Meer abgebildet war während sie von Fischen gefressen wurde. Das löste einen Blitzschlag aus. Sie wollten eine Antwort auf dieses Problem und riefen uns an. Die Lorbeeren gehen an P&G. Es war ihre Idee, wir waren nur der Motor zur Ausführung.

„Der Schlüssel Menschen zu erreichen liegt darin, sie zu inspirieren“

styleranking: Das ist doch ein gutes Beispiel für eine fundamentale Veränderung.

Tom Szaky: Stimmt, diese eine Person wird nie wieder sein wie früher. Genau das ist der Schlüssel. Wir müssen nachhaltige Lösungen finden, die für die Unternehmen attraktiv sind. Nehmen wir nur den Bereich Kosmetik. Wie viel davon ist wirklich notwendig? Ein Prozent? Wenn ich zu einer Firma gehe und sage, hör auf dein Produkt zu verkaufen, werde ich niemals erfolgreich sein. Wenn ich aber hingehe und ihnen eine Möglichkeit aufzeige nachhaltig und erfolgreicher zu sein, dann kann es funktionieren. Der Wunsch nach Wachstum und Profit steht der Nachhaltigkeit oft im Weg. Wir recyceln auch Zigaretten und arbeiten mit Big Tobacco zusammen, vermutlich einer der vermeintlich bösesten Organisationen dieser Welt. Aber wenn ich dahin gehe und sage, Zigaretten sind schlecht, schließt eure Türen, würden wir nichts erreichen. Wir müssen die Welt so akzeptieren wie sie ist und damit arbeiten.

styleranking: Jeden Tag werden Millionen Produkte aus Plastik produziert. Ist diese eine Flasche von Head & Shoulders nicht ein Tropfen auf dem heißen Stein?

Tom Szaky: Vermutlich ja. Ist diese Flasche das Ende von Strandplastik? Nein. Dieses Projekt kann nicht die Antwort sein, aber es ist ein Schritt in die richtige Richtung. Wir begeben uns damit auf eine Reise.

styleranking: Ist das nicht frustrierend, nur kleine Schritte gehen zu können?

Tom Szaky: Ja, es ist lästig.

styleranking: Was war dir bei der Kooperation mit P&G wichtig?

Tom Szaky: Wir hatten einige entscheidende Regeln. Erstens: Das fertige Produkt musste vollständig recycelbar sein. Also konnte die Flasche nicht schwarz sein. Zweitens: Es war wesentlich für uns, dieses Vorhaben mit einer großen Marke umzusetzen, nicht mit einem kleinen Öko-Label. Nur so erreichen wir das Unerwartete. Außerdem war uns wichtig, dass alle gleichermaßen in das Projekt involviert waren. Jeder sollte daran arbeiten, dass es wirklich funktionieren kann und nicht bei dem ersten Problem das auftaucht, aufgeben. Besonders das P&G-Team musste neue Wege gehen, zum Beispiel bei der Farbe der Shampoo-Flasche.

styleranking: Bist du stolz darauf, diese Flasche heute in den Händen zu halten?

Tom Szaky: Sehr stolz sogar. Ich hoffe dieses Projekt inspiriert andere Unternehmen, noch einen Schritt weiter zu gehen. Das gefällt mir so am Wettkampf. Dabei muss es gar nicht um Strandplastik gehen. Hauptsache es macht unsere Welt nachhaltiger.

„Es geht darum, das Thema sexy zu machen“

styleranking: Wie reagieren wohl die Kunden auf das Produkt?

Tom Szaky: Ich hoffe die Konsumenten sehen mehr als nur das Shampoo. Ich hoffe sie voten für das Produkt und bringen das ganze System damit voran. Konsum kann die Welt verändern.

styleranking: Nun ist das Thema Umweltschutz nicht gerade sexy.

Tom Szaky: Das sollte es aber sein. Die Beauty- und Fashion-Branche ist die sexieste von allen. Aber was Umweltschutz betrifft, ist sie auch die schlimmste. Aber wir reden hier von der Industrie der Begehrlichkeiten. Genau diese Branche brauchen wir. Solange Nachhaltigkeit langweilig bleibt, interessiert sich auch niemand dafür. Die Magie besteht darin, es auf eine andere Ebene zu heben. Beauty- und Fashion Produkte erreichen Menschen in einer Weise, wie andere Produkte es nicht vermögen.

styleranking: Was sind deine besten Argumente den Menschen gegenüber, die von Nachhaltigkeit nichts halten?

Tom Szaky: Es geht nicht um Argumente. Es geht darum, das Thema sexy zu machen. Mein Job, so wie der von P&G oder Rewe ist es, den Blick des Konsumenten auf das Produkt zu lenken. Das Produkt attraktiv zu machen.

Beinahe keine Verpackung unserer so heiß geliebten Beauty-Produkte lässt sich recyceln.   Copyright: Shutterstock

styleranking: Nenne drei Möglichkeiten für jeden von uns, die Welt zu einem besseren Ort zu machen.

Tom Szaky: Kaufe zeitlose und hinreißende Kleidung. Wenn du drei Kleider kaufen willst, aber nur eines kaufen könntest - welches wäre es? Denke darüber nach, was du kaufst. Du votest damit für oder gegen ein Produkt. Versuche Produkte zu unterstützen, die recycelt werden können.

styleranking: Wir haben viel über die Verantwortung von Unternehmen und Konsumenten gesprochen. Was ist eigentlich mit der Politik?

Tom Szaky: Politik spielt eine riesige Rolle. Einige deutsche Beispiele: Warum ist es in Deutschland legal Müll zu verbrennen? Ändert das! Stoppt die Subventionierung von Öl. Beginnt stattdessen damit recycelbare Materialien zu subventionieren. Schafft Regeln und Gesetze, um das zu erleichtern. Projekte wie das mit P&G sollten keinen Mut erfordern müssen, weil die gesetzlichen Rahmenbedingungen nicht stimmen.

„Politik spielt eine riesige Rolle“

styleranking: Wage einen Blick in die Zukunft. Was passiert, wenn alles beim Alten bleibt?

Tom Szaky: Uns wird es nicht mehr geben. Die Welt wird weiter existieren, einige Tiere und Pflanzen auch, aber der Mensch nicht. Wir machen das hier alles für uns selbst.

styleranking: Über welchen Zeitraum sprechen wir hier?

Tom Szaky: Der ist vermutlich kürzer, als wir alle denken.

styleranking: Vielen Dank für das Interview, Tom.

Tom Szaky ist in Ungarn geboren und wächst nach dem Atomunglück von Tschernobyl in Toronto, Kanada auf. Er studiert an der Princeton University in den USA Psychologie und Ökonomie. Im Jahr 2001 gründet Szaky TerraCycle Inc. und sitzt dem Unternehmen seitdem als CEO vor. TerraCycle hat sich auf das Einsammeln und Wiederverwerten von schwer recycelbarem Post-Consumer Plastik spezialisiert. Tom Szaky ist auch als Autor tätig und verfasste die Bücher „Revolution in a Bottle” und „Outsmart Waste”. Er lebt gemeinsam mit seiner Familie in New York.


Die mit Shutterstock gekennzeichneten Bilder stammen aus der
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