Meinung zur Bundestagswahl 2017

Wahlwanne: Palina erklärt Politik für Dummies

Franziska Gajek
Von Franziska Gajek
20.09.2017 / 15:18 Uhr

Palina Rojinski erklärt im Video das deutsche Wahlsystem inklusive Erst-und Zweitstimme, Überhangmandat und Abgeordnetensitze. Das ganze vollzieht sie nackt, aus der Badewanne heraus. Abeits von Feminismus-Debatten tut sie ihren Fans damit keinen Gefallen. Die sind nämlich gar nicht so uniformiert, wie ihnen mit diesem Clip unterstellt wird.

Zugegeben: Palina sieht grandios aus wie sie da in ihrer Wanne sitzt. Ihre Haare sind lässig hochgesteckt. Das Setting erinnert an ein Badezimmer, irgendwo im Schloss Versailles. Torte ist reichlich vorhanden, prickelndes Blubberwasser auch. Nur der Sonnenkönig fehlt. Das Setting der Website, auf dem das Video erscheint, ist ähnlich exklusiv. Palina kooperiert mit der deutschen Online-Ausgabe der Modezeitschrift Vogue. Darum geht es aber nicht. Auch nicht um Palinas nasse Brüste, die sich irgendwo unter dem Schaum das Badewassers verstecken. Es geht um Politik. Genau genommen um das deutsche Wahlsystem. Ob sich das in einem sexy Umfeld verständlicher erklären lässt, sei mal dahingestellt. Die Frage ist: Müssen die Leser der Vogue überhaupt über diesen Grundpfeiler unserer Demokratie informiert werden?

Schauen wir uns die Nutzerdaten von vogue.de einmal genauer an: 53 Prozent der Leser haben Abitur oder einen höheren Bildungsabschluss. Wenigstens diese Leser haben spätestens im Politikunterricht der Oberstufe vom deutschen Wahlsystem gehört. Sie beschäftigen sich nicht ausschließlich mit Mode und Beauty, wie der Vorwurf öfters mal lautet. Außerdem verfügen 41 Prozent der Leser von vogue.de angeblich über ein monatliches Haushaltnettoeinkommen von 3000 Euro und mehr. Sie zählen damit zur deutschen Mittel-bzw. Oberschicht. Und gehen wählen. Grob gesagt gilt: Umso höher das Einkommen in einem Wahlgebiet, desto höher auch die Wahlbeteiligung. Viele Zahlen, eine Aussage: Die Leser von vogue.de haben mit großer Wahrscheinlichkeit bereits verstanden, wie das deutsche Wahlsystem funktioniert.

Palina Rojinski kennen wir eigentlich aus Formaten wie Circus HalliGalli oder Kinofilmen wie "Traumfrauen".   Copyright: Andreas Rentz/ Getty Images

Nun richten sich diese Plattform und vor allem Palina vornehmlich an eine junge Zielgruppe. Wir kennen und schätzen die charmante Rothaarige aus Formaten wie Circus HalliGalli und informieren uns auf vogue.de über Gigi, Kendall, Bella und all die anderen Stars der Fashion Branche. Eigentlich informieren wir uns ja über nichts anderes. Nichts von echter Relevanz. Von Politik oder der Bedeutung von Erststimme und Zweitstimme haben „junge Leute“ ohnehin keine Ahnung. Da liegt es doch auf der Hand ein Erklär-Video in Löwenzahn-Rhetorik zu produzieren, das eine Aufmerksamkeitspanne von lediglich 1:49 Minute erfordert. Damit lässt sich das Problem Politikverdrossenheit sicher lösen!

Hat irgendjemand das Klischee der politikverdrossenen Jugendlichen mal hinterfragt? Nein? Dann bitteschön: Im aktuellen Wahlkampf geben sich Politiker in volksnahen Talkshows die Klinke in die Hand. Das Publikum in den sogenannten Wahlarenen ist gut durchmischt. Bei „Klartext, Martin Schulz“ sitzt ein ganzer Politik-Leistungskurs im Studio. Auch die Kampagne #gerwomany lockt zahlreiche junge Prominente, wie Palina mit ihrem Video, mit gekreuzten Fingern vor die Kamera. Lena Meyer-Landrut oder Sophia Tomalla bekennen sich öffentlich zu Merkel. Zudem formieren sich immer mehr Initiativen junger Menschen, die unsere politische Zukunft in den Mittelpunkt stellen. „Demo“ wäre da zu nennen oder „Jugend für Europa“. Politik ist relevant für junge Menschen. Nach Ereignissen wie der Trump Wahl oder dem Brexit mehr denn je.

Palinas Video zur Bundestagswahl erreicht auf YouTube über 87.000 Aufrufe.   Copyright: vogue.de

Warum also können ein anspruchsvolles Magazin wie die Vogue und eine junge charmante Moderatorin wie Palina nicht auf Augenhöhe mit uns kommunizieren. Vor allem dann, wenn Politik im Fokus steht. Warum erklärt man uns das Wahlsystem als hätten wir noch nie von dem Wörtchen Demokratie gehört? Warum reden wir nicht gemeinsam über Inhalte, statt über Grundlagen? Warum liefert ein anspruchsvolles Magazin wie die Vogue nicht auch anspruchsvolle Inhalte? Wählen ist wichtig. Darüber aufklären auch. Gerne in der Badewanne, mit eine attraktiven Moderatorin. Das bringt immerhin Aufmerksamkeit für ein solch wichtiges Thema. Findet ein solches Format jedoch auf einer Plaftform wie vogue.de statt, wären anspruchsvollere Inhalte wie das Wahlprogramm der einzelnen Parteien angebrachter gewesen. Wenn Wahlberechtigte, welchen Alters auch immer, allerdings mit bereits vorhandenem Grundlagenwissen behelligt werden, ist es für die richtigen Inhalte bis zu Wahl vielleicht zu spät. In diesem Fall war die Wahl wenigstens bei vogue.de sexy!

Follow us