Kommentar Zeitgeschehen

Warum Generation Y entscheidungsunfähig ist und trotzdem unsere Gesellschaft verändert

19.02.2017 / 16:00 Uhr

Guten Morgen, Burnout? Es scheint eine Krankheit meiner Generation zu sein: Uni, Job, große Karriere und möglichst noch ein erfüllendes Privatleben. Wir achten penibel auf eine gesunde Ernährung und ausreichend Raum für Selbstverwirklichung. Für Exzesse keine Zeit, denn der stramm geplante Alltag lässt so etwas kaum zu. Erst recht nicht, wenn man trotz des fleißigen Weiterbildens und Karriereplanens auch noch eine vernünftige Work-Life-Balance wahren möchte. Das Privatleben besteht dann bestenfalls aus unterhaltsamer Entspannung, Netflix-and-chill-Marathons und bloß keinem kräftezehrenden Partyleben. Nach zwei Uniseminaren düse ich freitags gegen 12 Uhr mittags noch schnell ins Büro. Ein halber Arbeitstag nach einem Test in Arbeitspsychologie und anderthalb Stunden Neuropsychologischer Testung wird ja wohl noch drin sein. Nach mindestens einer Überstunde ist Feierabend, noch kurz aufgefrischt und weiter geht es in die Stadt. Endlich wieder eine vernachlässigte Freundin treffen. Mehr ist heute Abend nicht möglich, denn morgen müssen all die Verpflichtungen erledigt werden, zu denen man unter der Woche nicht kommt. Am Sonntag folgen auf Brunch, Onlineshopping und Lernsession noch drei Stunden Sport. Und Montag geht der Spaß wieder von vorne los. Ob mich dieser Alltag glücklich macht? Er bietet mir die bestmöglichen Chancen, um in der Zukunft mein Ziel zu erreichen und - um es in beflügelten Worten auszudrücken - mich selbst zu verwirklichen. Schließlich verfolge ich genau den Traum, den ich mir seit meinem 12. Lebensjahr irgendwie zusammenschustere.

Der Alltag der Generation Y besteht nicht mehr nur aus Studium und Party. Nebenjob, Praktika und Co. sorgen für eine Menge Arbeit und reduzieren die Zeit für das Privatleben.   Copyright: Shutterstock

Mit Kompromissen hier und Abstrichen da liegen nach knapp 20 Jahren doch einige ansehnliche Tage, Erfahrungen und Leistungen hinter mir. In Gedanken stets allgegenwärtig das Mantra: Ohne Fleiß kein Preis. Aber Fleiß birgt auch seine Schattenseiten. Abi mit 17, danach drei Monate Praktikum - unmittelbar vor dem ersten Semester meines Psychologiestudiums. Mittlerweile befinde ich mich im letzten Jahr zum Bachelor of Science, arbeite 80 Stunden im Monat, gehe drei Mal in der Woche zum Sport. Aber wie geht es ab Oktober weiter? Starte ich ein Masterstudium in Psychologie? Möchte ich doch mal in Medizin reinschnuppern oder sollte ich mich lieber auf Journalismus fokussieren? Die Lebensläufe meiner Generation – auch Generation Y genannt – können sich sehen lassen. Nicht umsonst steht Y im Englischen auch als Abkürzung für „why“. Allem voran steht ein Hinterfragen. Warum sollte mich mein Job nur finanziell absichern und nicht auch persönlich erfüllen? Warum sollte ich nicht noch mal von vorne anfangen und eine ganz andere Studien- oder Berufsrichtung einschlagen? Warum soll ich mich mit dem zufriedengeben, was ich habe, wenn ich noch mehr erreichen kann? Die Kindheitsheldin wird zum Role Model: „Ich mach mir die Welt, widde widde wie sie mir gefällt!“

Der psychologische Hintergrund

In meinem Studium habe ich gelernt, dass die Zufriedenheit mit Mitte 20 deutlich geringer ist, als vielleicht mit Mitte 60. Altersbedingte Gelassenheit? Durch häufige Enttäuschungen beim Karrierestart folgen die gängigen, vielfachen Jobwechsel in den Zwanzigern. Während wir später auf unser Leben zurückschauen, gerät so manche negative Erinnerung in Vergessenheit. Eine positive Bewertung unseres Lebenslaufs stimmt einfach zufriedener als ein kritischer Rückblick. Mit 20 hingegen sehen unsere Ansprüche noch so utopisch aus, dass wir deutlich mehr Unzufriedenheit fühlen. Man ist jung, gesund, kann und will das Leben in vollen Zügen genießen, aber das dafür nötige Kleingeld fehlt leider. Diese Unzufriedenheit kennen viele. Bis hierhin hat diese Entwicklung konkret noch wenig mit der Generation Y zu tun.

Die Social Media Plattformen bieten mittels Selfies und Momentaufnahmen den perfekten Nährboden für eine makellose Selbstdarstellung.   Copyright: Shutterstock

Laut des Psychoanalytikers Erik H. Erikson besteht die Entwicklungsaufgabe einer Person während ihres zweiten Lebensjahrzehnts darin, sich zwischen den beiden Polen Intimität und Isolation zu entwickeln. Ersterer stellt das Ziel dar, eine permanente Bindung zu einem intimen Partner einzugehen. Im Gegensatz dazu steht Isolation für Einsamkeit, Selbstkonzentration, ein verzögertes Eingehen enger Beziehungen und die Angst vor einem Identitätsverlust. Entstehen Entscheidungsunfähigkeit und Selbstverwirklichungszwang der Generation Y aus der nicht bewältigten Entwicklungsphase "Intimität vs. Isolation" nach Erikson? Faktoren wie Beziehungsunfähigkeit, Selbstperfektionismus in den Sozialen Medien und Ellbogenmentalität in der Berufswelt können durchaus Indikatoren dafür sein.

Der Charakter der Generation Y

Eine weitere Charaktereigenschaft der Generation Y: Nutzen statt besitzen. Lieber auf Carsharing setzen, statt einen statutsträchtigen Eigenwagen zu besitzen. Man möchte flexibel bleiben, mietet eine Wohnung in der Stadt, anstatt ein womöglich durch Bankkredit finanziertes Eigenheim zu bauen. Generation Y hält sich ganz opportunistisch alle Möglichkeiten offen. Legt sich aber keinesfalls fest. Das spiegelt sich auch in der Suche nach einem Partner wider. Viele Y-Member träumen von der perfekten Beziehung mit Vertrauen, Sicherheit und Geborgenheit. Möglichst reibungslos, man hat ja im Job genug Ärger. Gleichzeitig schrecken sie vor einer festen, tiefen Bindung zurück. Denn dann müssten sie sich schließlich festlegen. Eine klare Entscheidung für „Mr. Right“ und somit gegen Spaß und Abenteuer treffen. Auf Neudeutsch bezeichnet man dieses Konstrukt als Mingles - eine Zusammensetzung aus den englischen Wörtern "Mixed" und "Single".

Doch was zeichnet den Charakter der Genration Y aus? Woran erkenne ich, ob auch ich zur Generation Entscheidungsunfähig zähle? Das Gebräu zum waschechten Generation Y-Member setzt sich wie folgt zusammen: Man nehme etwas Selbstdarstellung par excellence. Schuld daran trägt natürlich Social Media. Dazu eine Menge Selbstbewusstsein und Zielstrebigkeit geprägt von (zu?) hohen Erwartungen an sich selbst. Abgerundet wird das Ganze von einem ordentlichen Realitätsschock. Diese drei Komponenten für sich genommen sind keinesfalls ein Todesurteil. Alle drei Herausforderungen zusammen ergeben das Paradoxon: Dir stehen alle Türen offen, doch du kannst dich für keine entscheiden. Durch die perfektionistische Selbstdarstellung auf Instagram, Facebook oder Snapchat erscheint einem Nachbars Rasen nicht nur grüner, sondern auch bunter und blühender. Vielleicht nur ein Filter? Während man seine persönlichen Schwächen nur zu gut kennt, kaschieren unsere Bekannten, Freunde und Idole auf ihren Social Media-Kanälen geschickt jeden Makel. Hallo Minderwertigkeitsgefühl, grüß dich Identitätskrise.

Generation X legt den Grundstein

Viele Generation Y-Members blicken auf eine Kindheit mit liebevollen Helikopter-Eltern zurück. Sie wurden behütet und geliebt, haben reichlich Gebrauch vom Mitspracherecht innerhalb ihrer Familie gemacht. Das Zentrum des Universums sind sie und das ist gar nicht mal die Schuld der Y-Kinder. Ihre Eltern haben den Kleinen eingetrichtert, dass sie alles erreichen können, solange sie nur zielstrebig darauf hinarbeiten. Es gibt ein Licht am Ende des Tunnels. Die hohen Erwartungen an eine Bilderbuchzukunft können durch den Realitätsschock beim Eintritt in ein Praktikum, Studium oder einen Beruf leicht zerbrechen. Sie entsprechen einfach nicht der Realität. Die Eltern und Großeltern der Generation Y haben ihren Job primär aus finanziellen Gründen gewählt. Für die Generation Y zählen neben Gehalt auch Prestige und Anerkennung, Einfluss, persönliches Wachstum, Selbstverwirklichung und Zufriedenheit zu den notwendigen Attributen eines idealen Jobs. Dazu bitte noch einen perfekten Partner, den Traumkörper und einen Szene-Freundeskreis. „Ich muss nur noch kurz die Welt retten. Danach flieg‘ ich zu dir. Noch 148713 Mails checken. Wer weiß, was mir dann noch passiert, denn es passiert so viel.“

In Zukunft könnte in der Jobwelt nur noch das Ergebnis und nicht mehr das Wann, Wo und Wie der eigenen Arbeit zählen.   Copyright: Shutterstock

Die (Auf)Lösung der Entscheidungsunfähigkeit

Wenig überraschend erscheint da der Befund von Dr. M. Alan Saginak und Dr. Kelli A. Saginak von der University of Wisconsin–Oshkosh. Ihre Diagnose: Rollenüberlastungen stellen aktuell ein gängiges Problem dar. Unterstützung und Flexibilität am Arbeitsplatz können in diesem Zusammenhang helfen. Das fortschrittliche Konzept der Hamburger Agentur Elbdudler in Eimsbüttel könnte die gängige Arbeitssituation der Zukunft repräsentieren. Die Mitarbeiter entscheiden selbst, wann, wo und wie viel sie arbeiten. Auch ihr Gehalt bestimmen sie selbst. Ein ziel- und ergebnisorientierteres System löst den klassischen 9 to 5 Job ab. Nicht Ort und Zeit des Jobs sind relevant, sondern das Outcome des Auftrags. Laut Prof. Dr. Jutta Rump vom Institut für Beschäftigung und Employability, kann die Generation Y so ihre Träume trotz utopischer Erwartungen realisieren. Gegenüber dem Zeit Magazin erklärt die Professorin: „Die Mitglieder der Generation Y können ihre Vorstellungen in die Berufswelt retten, weil sie davon profitieren, dass es nur wenige von ihnen gibt".

Die Generation Y sollte ihren Ehrgeiz wahren und ihre Erwartungen hoch, aber realistisch ansetzen. Auf diese Weise beugen sie Realitätsschocks und Unzufriedenheit weitestgehend vor. Ein Beispiel: Man erarbeitet sich einen Bachelor und Master Degree inklusive erfolgreich absolvierter Praktika - für die notwendige Berufserfahrung. Neben dem Studium jobbt man fachorientiert und hält eine Work-Life-Balance durch einen liebevollen Freundeskreis und ausreichend Sport, Hobbys und Freizeit - um den Kopf leerzupusten. Dazu kommt die Tatsache, dass in naher Zukunft die geburtenstarken Jahrgänge und damit zahlreiche Arbeitsplätze und Führungspositionen in Rente gehen. Somit bietet sich der Generation Y eine realistische Chance zum zufriedenstellenden Berufseinstieg bzw. -aufstieg. Und zwar verdient und hart erarbeitet. Schließlich stimmt der Grundgedanke unserer Eltern. Wer mit Fleiß und Ehrgeiz für seinen Erfolg kämpft, kann sein Ziel erreichen. Aber eben nur, wenn er eine Entscheidung trifft und dahintersteht. Nicht warum – darum.

Alle mit Shutterstock gekennzeichneten Bilder sind aus der Bilddatenbank shutterstock.com

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