Meinung

Was wir brauchen? Mehr Respekt und kurvige Models

Von Franziska Gajek
07.09.2017 / 15:32 Uhr

Der Privatsender RTL2 hat ein neues Curvy Supermodel gefunden. Hanna heißt sie, Kleidergröße 44 trägt sie. Die Mode würde auch ohne diese Models auskommen. Unsere Gesellschaft braucht sie aber unbedingt. Denn die Debatte, über die Art und Weise, wie wir auf Sozialen Netzwerken miteinander umgehen, rückt durch diese Mädchen in den öffentlichen Fokus. Das ist gut so.

Plus Size Modelmama Angelina Kirsch suchte in der 100. Castingshow der deutschen TV-Landschaft ein Model mit Kurven. So richtigen Kurven. Welchen die wackeln und wenig mit den Kurven gemein haben, um die wir Beyoncé Knowles beneiden. Mit dieser Show trifft RTL2 den Nerv der Zeit. Kurvige Models, wie Ashley Graham erobern Kataloge, Kampagnen und die Laufstege der Welt. Und sie entfachen eine gesellschaftliche Debatte. Was ist schön? Wer darf sich schön fühlen? Und wo kann ich allen, die ich hässlich finde, verbal mal so richtig auf die Fresse hauen?

Ashley Graham zählt zu den erfolgreichsten curvy Models der Welt. Auf Instagram folgen ihr knapp fünf Millionen Menschen.   Copyright: Fernando leon / Getty Images

Die Kommentare auf Twitter lassen vermuten, es geht ausschließlich um letzteres. Unter dem #curvysupermodel heißt es:

oder

Das Sprichwort mit dem Ton und der Musik wäre hier mal angebracht gewesen. Kommentare mit einer solch despektierlichen Wortwahl stehen auf Social Media-Kanälen wie Twitter an der Tagesordnung. Zu viel Fett am Köper fremder Frauen erhitzt die Gemüter mehr als so manche politische Diskussion.

Kritik gegenüber den Mädchen gibt es genug. Neben mäßig kreativen Beleidigungen wie "hässlich" und "fett" wird auch die Vorbildfunktion der kurvigen Models in Frage gestellt. Denn nicht nur unter Ernährungsexperten hat sich mittlerweile rumgesprochen: Dick sein ist ungesund. Fehlende Bewegung und ungesunde Ernährung sind die großen Volksleiden der westlichen Gesellschaft. Seit Jahren verraten Statistiken, dass die Anzahl übergewichtiger Menschen in Deutschland zunimmt. Daran rütteln weder der Hype um Detox-Kuren noch Power-Yoga. Wer stellt da in Frage, dass dicke Models keinen Ausweg aus einer adipösen Gesellschaft bieten?

Jedoch kann die Verantwortung für mangelhaftes Wissen über Ernährung und Bewegung nicht auf den Schultern von Castingshow-Teilnehmerinnen abgeladen werden. Vielmehr zeichnet sich hier das Ergebnis jahrelanger fehlender Aufklärung in Schulen und der Kinderstube ab. Diese Mädchen sind ein Spiegel dieser Gesellschaft. Ob das Twitter nun gefällt oder nicht. Gewinnerin Hanna trägt Kleidergröße 44 – was im Übrigen die durchschnittliche Kleidergröße deutscher Frauen ist - und weckt nicht in jeder 14-Jährigen den Wunsch, einmal Curvy Model werden zu wollen. So viel Realität überfordert einige Zuschauer und Twitter-Nutzer.

Doch ist das Rechtfertigung genug, so gegen diese Models zu wettern? Der simple Umstand, dass sich diese Mädchen um die Stelle des neuen Curvy Supermodels bewerben, reicht offenbar aus, ihre Würde mit Füßen zu treten. Sie werden beschimpft, beleidigt und mit hässlichen Kommentaren bedacht. Von respektvollem Meinungsaustausch oder einer ernsthaften Diskussion über Vorbildfunktionen oder Körperbilder kann keine Rede mehr sein. Draufhauen lautet die Devise.

Wenn im Internet Beleidigungen so leichtfertig in die Tastaur gehauen werden, stellt sich eine ganz wesentliche Frage: Wie gehen diese Twitter-Nutzer mit den Frauen in ihrem eigenen Umfeld um? Wie reden sie über ihre Mutter, die ein paar Pfunde zu viel auf den Hüften hat und was muss sich die Freundin anhören, die trotz Diät keine Ähnlichkeit mit den Models auf den Plakaten hat?

Ob Kleidergröße ein Indikator für Schönheit ist, kümmert Model Ashley Graham nicht. Eine Einstellung, die sie sehr erfolgreich machte.   Copyright: Mike Coppoloa / Getty Images

Kernproblem sind weder runde Frauen, die im Bikini über den Laufsteg wackeln, noch ein angeregter Meinungsaustausch. Kernproblem ist der öffentlichen Umgang mit Menschen, die nicht dem eignen Schönheitsideal entsprechen. Eine Vielzahl der Twitter-Kommentare ist frei von jeglichem argumentativen Inhalt und beschreibt damit die viel besprochene Verrohung der Gesellschaft recht präzise. Solange wir nicht mit Inhalten diskutieren, sondern nur draufhauen, büßen wir das Recht ein, uns am gesellschaftlichen Diskurs zu beteiligen.

Bevor wir uns also fragen, ob es die 100. Castingshow geben muss, ob kurvige Models gute Vorbilder sind oder Kleidergrößen die richtige Maßeinheit für Schönheit, müssen wir über Respekt reden.

Über Respekt vor der Andersartigkeit anderer. Über Respekt gegenüber der Entscheidung, in welcher Form und mit welchem Körper Menschen leben oder eben modeln möchten. Über Respekt vor den vielen Gesichtern von Schönheit.

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